Unsere Elektrobrieftauben fliegen immer wieder ins worldweite Nezz unseren Newsletter abladen. Mindestens wöchentlich ...
Feins z'Mittag 
vom 4.-8.3.24
Am liebsten gelesen, gehört und angeschaut ...
Dienstag, 21.03.2023, 20Uhr20
Lokalbühne
Micah P. Hinson (USA)
Anfang 2020 hätte Micah P. Hinson beinahe die Musik aufgegeben. Der superfreundliche, in Memphis geborene, in Texas aufgewachsene, dort & in Spanien lebende Americana-/Folk-Singer-Songwriter fühlte sich nach zehn grossartigen Alben gefangen & tief deprimiert:

«Mir wurde klar, dass ich immer nur über meine früheren Beziehungen und Situationen schrieb, und das bedeutete, dass ich nirgendwo hin konnte. Wie kann man als Mensch in die Zukunft gehen, wenn man nur über den ganzen Scheiss schreibt, der einen an die Vergangenheit kettet?» Die Pandemie verschaffte ihm Zeit zum Nachdenken. Welch ein Glück! Er schwor sich, von nun an nur noch über Dinge zu schreiben, die ihm in der Gegenwart widerfahren. Doch zunächst wollte er mit der Vergangenheit abschliessen, indem er alle aufbewahrten, älteren Songs aus den letzten fünfundzwanzig Jahren überarbeitete & aufnahm. Also schuf der Auferstandene sein elftes Studioalbum «I Lie to You», auf dem er uns Hörer:innen durch einen letzten Rückblick auf seine bemerkenswerte Lebensgeschichte führt. Zum einen stammt er von den American Natives der Chickasaw ab, andererseits gehörte seine Familie der Church of Christ an, die Micah als «eine der neuesten, strengsten und bizarrsten Sekten des Christentums» bezeichnet. Davor floh er als Teenager in die Musik. Er hörte Industrial- & Alternative-Bands wie Skinny Puppy, My Bloody Valentine & The Jesus and Mary Chain. Zusammen mit seinem älteren Bruder begann er, Gitarre zu spielen & Songs zu schreiben, die diese musikalischen Einflüsse widerspiegelten. Hinson nahm unzähige Stücke zu Hause auf & gab Kopien an seine Freunde weiter. Aber: «Ich war praktisch obdachlos in Austin, Texas, und mein Leben lief absolut ins Leere. Ich konnte keinen Job finden. Ich hatte kein Auto, das funktionierte. Mein Leben lief nicht gut.» Irgendwann hatte er nicht mal mehr eine Gitarre. Sein Freund John Mark Lapham (The Earlies) verschaffte Hinson beim Londoner Plattenlabel Ponderosa Music Records (Patti Smith, The Jesus and Mary Chain) nicht nur einen Plattenvertrag, sondern auch Geld, einen Reisepass & ein Flugticket nach Grossbritannien, wo er sein Debütalbum Micah P. Hinson and the Gospel of Progress (2004) aufnahm. Die nächsten neun Alben waren ebenso erfolgreich & etablierten ihn als einen der innovativsten & interessantesten Singer-Songwriter unserer Zeit. Der in Mailand ansässige Produzent Alessandro «Asso» Stefana (PJ Harvey, Mike Patton) hat die Songs derart abgespeckt & minimalisiert, dass Hinsons sehr ehrliche & aufrüttelnde Texte wunderbar zur Geltung kommen. «Er verblüffte mich. Ich war erstaunt über das, was er tat. Er brachte neues Leben in meine Arbeit.» Einen einzigen Albumtitel schrieb der mittlerweile über 40jährige Hinson neu:«Ignore the Days». Der Song dient als Brücke zwischen seiner Vergangenheit & dem neuen, nach vorne gerichteten Leben. Schon jetzt fühlt er sich in jeder Hinsicht neu belebt: «Es ist nicht nur mein Songwriting, das sich verändert hat, sondern auch mein Familienleben, meine Ansichten über Religion und Politik. Es ist wirklich seltsam, dass ich mich entschieden habe, diese Veränderungen in meinem Leben vorzunehmen. Dann kamen so viele erstaunliche, schöne Dinge auf mich zu. Ich werde für immer dankbar sein für das, was auch immer passiert ist, um mich an diesen neuen Ort zu bringen.» – Dieser neue Ort ist zum Glück auch hier, auf unserer immer-wieder-neuen, aller-allerletzten Weltmusikinsel an dem einzigen Mainstream, in denselben man ewig nur ein einziges Mal steigt.

top...
el Lokal