...The Hall Of Fame

unvergessene Nächte ........

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...Sex, Euro & Elvis Pop

Montag, 14. Dezember zero9, 20Uhr20

MESSER CHUPS

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Über Musik zu schreiben, ist wie zu Architektur zu tanzen. Zu einem wahren Veitstanz wird die Sache, wenn es um die unglaubliche Welt der Messer Chups geht. Sie machen Musik, die es schon immer hätte geben sollen, aus Filmen, die es zum Glück nie gegeben hat. Die Welt von Messer Chups ist eine Hommage an die B-Movie-Soundtracks der Sechziger- und Siebzigerjahre, gemischt mit Surf und Samples, darunter etwa Parteiprogramme, Frauengekreische und diabolische Botschaften. Und: Diese Welt liegt in Russland.

"Post Easy Listening" nennt Oleg Gitarkin den Stil. Er muss es wissen: Zusammen mit Oleg Kostrow ist Gitarkin die an Satan verkaufte Seele von Messer Chups. Seit 1998 gibt es die Combo, die aus dem legendären russischen Elektronik-Projekt "Messer Für Frau Müller" hervorgegangen ist. Die Zusammenarbeit von Oleg und Oleg muss man sich etwa so vorstellen: Zusammen mit Fleisch gewordenen Tätowierungen sibirischer Gefangener hämmern sie auf alte Sowjet-Synthesizer ein und trinken dazu frisches Jungfrauenblut. Im Hintergrund läuft rückwärts ein italienischer Horrorfilm aus den Sixties. Plötzlich wird die Steppledertür aufgerissen, und zwei ehemalige KGB-Agenten in Schwarzweiss feuern Patronensalven aufs Cheminée ab, vor dem sich zwei Burlesque-Tänzerinnen räkelnd in Folie einwickeln. Dazu zupft ein kleiner Teufel seine Surfgitarre, wobei er auf und nieder springt. Im Takt brüllt er: "God is dead. It’s a Satan's World." Könnte so passieren, obacht.

Jawohl, Messer Chups sind das Musik gewordene Unbehagen, eingepackt in eine süsse Synthi-Kaugummiblase, die an den Konzerten zu zerplatzen droht. Denn zu den swingenden Angstzuständen werden bei den Auftritten Trash-Movie-Collagen gezeigt, die eine Hühner- in eine wahrhafte Gänsehaut verwandeln. Hoffentlich mit dabei: die bezaubernde Svetna aka Zombie Girl. Vielleicht steigt zu Messer Chups auch noch Lydia Kavina auf die Bühne. Lydia Kavina ist die Grosstochter des Theremin- Erfinders Leo Theremin (Theremin ist das Uhuhu-Instrument, mit dem früher in Sci-Fi-Filmen böse UFO-Invasionen oder Beamvorgänge untermalt wurden). Jahre sind wir dran an den Messer Chups. Herr Gitarkin und seine bezaubernde Begleiterin Svetna geben unserer Lokalinsel endlich die Ehre. Unsere Welt wird danach eine andere sein und Russisch sprechen..

   
 

...Folk-Psychedelic-Sound

Sonntag, 13. Dezember zero9, 20Uhr20

BRIGHTBLACK MORNING LIGHT

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Als Trostpflästerchen für das anfang Jahres abgesagte Lokalkonzert verschenkt Matador (www.matadorrecords.com/brightblack/music.html) zwei Songs der entspannten Hippies von Brightblack Morning Light. Vielleicht klappt's ja nun so kurz vor Weihnachten.

Neo-Hippie trifft wohl am ehesten, was das Beste-Freunde-Duo Rachel "Rabob" Hughes und Nathan "Nabob" Shineywater aus New Mexico seit der Jahrtausendwende musikalisch vom Stapel lässt. Damals noch als Rainywood, wird die erste EP mit Bonnie "Prince" Billy veröffentlicht. Zwei Jahre später springen die beiden als Brightblack durch die wogenden Kornfelder. Der Folk-Psychedelic-Sound klingt immer noch wie irgendwas zwischen sich im Wind wiegenden Bäumen und Bachrauschen, als 2004 die Platte "Ali.Cali.Tucky" in die Läden kommt. Wiederum zwei Jahre später, mit an Brightblack angehängtem Morning Light, erscheint der erste Longplayer bei Matador Records. "The lyrics feature some pretty images, but are basically tossed off variations on rainbows, rain, crystals, smoke and rivers", urteilt die Online-Plattform Pitchfork. Bachrauschen, wie gesagt.

Sie leben nomadenhaft. Sie verachten Hierarchien. Sie verehren die spirituelle Kultur amerikanischer Ureinwohner. Und sie lieben die Natur und deren psycho-aktiven Gewächse. Aber nicht genug: Sie leben konsequent und haben ihr zweites Werk "Motion To Rejoin" ausschliesslich mit Solarenergie produziert. Es dürfte kaum an fehlender Sonne über New Mexico gelegen haben, dass ihr soulig-jazziger Stoner-Blues erneut in Zeitlupe ausgefallen ist. Zurückhaltendere Perkussion als früher, gospelartige Stimmen, ein verträumt klimperndes Rhodes, in der Ferne trötende Bläser. Ein sanftes Wiegen von Körpern und Melodien, als priesen sie nach einer langen, berauschenden Nacht mit gen Himmel gestreckten Armen den Sonnenaufgang. Na, wenn da mal nicht ein Rauschen über die Inselbühnenfelder weht und die Sihl sich wohlig plätschernd kräuselt...

   
 

...Klezmer Cabaret

Sonntag, 6. Dezember zero9, 20Uhr20

DANIEL KHAN & THE PAINTED BIRD

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Haben in der Hafenkneipe gespielt. Die wollen die nicht mehr. Unerklärlicherweise. Wir wollen. Weil damals hatten wir am gleichen Abend die grossartige PHANTOM BAND. Züri ist eine grossartige Stadt.

Die multinationale, in Berlin ansässige, unbequeme Klezmerband Daniel Kahn & The Painted Bird gehört zu den umtriebigsten Truppen der Szene. Das im März erschienene Album "Partisans & Parasites" wurde auf drei Kontinenten eingespielt. Und natürlich mit der Crême de la Crême, was die Musiker betrifft: Frank London (Klezmatics, Klezmer Brass All-Stars), Paul Brody (Tsadik’s Sadawi), Michael Winograd (Socalled, Budowitz), Vanya Zhuk (Nayekhovichi) und Psoy Korolenko. Das Tour-Programm umfasst Klezmer Cabaret-Stücke, Songs mit leichtem Jazzeinschlag und dann & wann ein bis zwo Brecht-Songs. Na, wirklich: Grossartige Musik ist das! Noch vielseitiger, fordernder und schöner als der Vorgänger "Broken Tongue". Und live klingt das alles immer wieder anders, immer wieder neu und unerhört. Da liefert einer einen grandiosen Gegenentwurf, eine Alternative zu vielem, was nicht nur in der Folk-Punk-Szene schief läuft.

Geboren und aufgewachsen in Detroit, hatte Daniel Khan Gelegenheit, seinen Platz zwischen schwarz & weiss, arm & reich, oben & unten, drinnen & draussen zu finden. Nach einem Theater- und Musikstudium lebte und arbeitete er in New Orleans, Detroit, New York und Ann Arbor und machte sich als Barpianist, Regisseur und Schauspieler, auf Bluegrass-Jams und Punk-Zirkus-Paraden einen Namen. Ausserdem komponierte er die Musik zu einer Produktion von Brechts "Mann ist Mann". 2005 zog er nach Berlin, wo er schnell zu einem unersetzlichen Mitglied der Berliner Folk- und Klezmer-Szene wurde. Folgerichtig gründete er im Herbst 2005 seine eigene Band The Painted Bird. Aus den Zutaten jiddisches Ost-Europa, Berlin der goldenen 20er, Polit-Cabaret, Punk, Gesamtspektrum des Polit-Songs und Erzählweisen des traditionellen Volksliedes alchimiert Khan die Kraft des Revolutionären, die aus einem Song wie "Dumai" spricht. Und auch den revolutionären Enthusiasmus, der "Yossl Ber" befeuert und an die besten Momente der Pogues erinnert. (Falls sich noch jemand daran erinnern kann.) Kahn singt Englisch, Deutsch und Jiddisch – traurig, fröhlich, böse, humorvoll, tragisch, theatralisch, poetisch und politisch absolut nicht korrekt. Dabei spielt er Akkordeon, Gitarre, Klavier, Mundharmonika und eine sympathische Ukulele, hauptsächlich aus einer alten Zigarrenschachtel bestehend. Und wer wirklich etwas über Khans unglaubliche Bühnenpräsenz wissen will, soll googooselen oder sich ungeschützt dem Orkan aussetzen, der unserer lauschige Inselstube heimsuchen wird.

   
 

...desert-chanson

Montag, 30. November zero9, 20Uhr20

MARIANNE DISSARD

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Letztes Mal zusammen mit Françoiz Breut. Es war schön. Nun solo. Und es wird schön. Ebenso schön, die ausnahmsweise nicht von Musikjournis stammende Stilbezeichnung, die’s uns da auf den Tisch wirbelt: Desert-Chanson. Logo, dass aus der schöpferischen Verbindung der französischen Sängerin Marianne Dissard mit einem amerikanischen Wüstenrocker das Desert-Chanson hervorgeht. So vielgestaltig die Assoziationen darüber auch ins Kraut schiessen mögen, in einigen der zwölf Songs des Debütalbums von Marianne Dissard spürt man die Weite des dünn besiedelten US-Bundesstaats Arizona tatsächlich. Dort, in der Heimat des altbekannten Joey Burns, wuchs das Werk langsam, immer wenn dieser gerade mal nicht mit Calexico im Studio oder auf Tournee war. Was klingt wie ein schlau eingefädelter Promo-Coup ist in Wahrheit das Ergebnis einer langen Freundschaft, die Mitte der 90er-Jahre begann, als Dissard über Burns' frühere Band Giant Sand einen Dokfilm drehte.

Sanfte Melancholie schlägt einem im eingängigen Eröffnungsstück "L'embellie" entgegen. Aber das Album läuft nicht stur den beschaulichen Folk-Pop-Weg ab. Nein, unscheinbare Blüten am Wegesrand fallen ins Ohr. So ist "Le Lendemain" tatsächlich ein schauriges Desert-Chanson, bevor Multiinstrumentalist Burns im swingenden "Les Draps Sourds" erstmals seine Mariachi-Visitenkarte abgibt. Im akustisch gehaltenen "Sans-façon" mit Streichern findet das Album dann seinen Höhepunkt, zumal hier das dunkle, leicht herbe Timbre der 39-Jährigen wunderbar erblüht. Einen bezaubernd schön wehklagenden Abschied von diesem mit Sand überzogenen Wüsten-Chanson-Album gibt sie mit "Indiana Song". Bonjour mesdames et messieurs, it’s a dusty way home!

   
 

..."Daft Punk Is Playing At My House" 

Donnerstag, 26. November zero9, 20Uhr20

MAGIC ARM

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Da spielt einer als One-Man-Band stinkfrech eine Kult-Clubhymne der Kult-Clubband LCD Soundsystem nach, die manche gute Party erst zu dem machte, was sie sein sollte – einfach geil: "Daft Punk Is Playing At My House" kommt zwar bei Magic Arm weniger punkig und viel relaxter daher, ist aber deshalb nicht weniger spannend und aufmüpfig. Die Manchester Evening News feierte Magic Arm als "innovavitsten und berauschendsten jungen Musiker der Stadt", was bei der vorhandenen Dichte schon etwas heissen will. Inzwischen hat Marc Rigelsford, der Magischarm-Mann, das Album "Make Lists Do Something" nachgeschoben. Bestes englisches Songwriting, Indietronics und Alternative- Folk lassen die 12 Songs Namen wie Beck, The Beta Band, Adem, Simian und so weiter aus prallgefüllten Feuerwehrschläuchen droppen. Alles Quatsch. Da ist was ganz Eigenes am Tun, das ist kein fauler Abklatsch-Zauber! Aufgetreten ist Magic Arm schon mit Beirut, Iron&Wine und James Yorkston; BBC Radio1-DJ Steve Lamarq deklariert seinen Glastonbury-Auftritt als Highlight. Und der ellokale wird erst recht in die Musikgeschichte eingehen. Logo & tut was, tut Gutes & macht Listen!

"Now and then, a record comes along which you can't ignore; a record which really does sound like waves of lysergic happiness lapping against your cerebral cortex." - Guardian Guide

"This new band Magic Arm out of the UK. Incredible music. I dare you to tell me it sucks..." - Ed Droste (Grizzly Bear, die mittlerweile weltgrossartig bekannt sind und bei uns vor 25 Treuen grossartig aufgetreten sind.....sälber schuld!!!)

   
 

...Hitch your wagon to a star 

Dienstag, 24. November zero9, 20Uhr20

THE DUKE & THE KING

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Neil Young und Marvin Gaye nehmen die Kultscheibe des neuen Jahrtausends auf. Oder so. Jedenfalls drängen sich derart unbescheidene Vergleiche auf, wenn von The Duke + The King – frei nach Mark Twain’s „Huckleberry Finn“ – die Rede ist. Sie selbst deklarieren sich auf Youtube als Glam-Soul-Folk-Trio aus New York; mit drei singenden Drummern, die auch andere Instrumente beackern. Denn sie hatten keine Wahl! The Duke: Simone Felice, The King: Robert Chicken Burke, The Deacon (Diakon): (Black Jim) Nowell Haskins singen von einem Parkplatz, den Jesus vergessen hat und von Mama’s schlechten Pillen. Musikalisch knöcheltief in den frühen Siebzigern steckend, klingt das aber alles, als ginge es uns auch morgen noch etwas an. Und zwar wirklich. So ergreifend kann das nur Simon Felice, der mit den Felice Brothers dieses Jahr schon einen grossen Wurf gelandet hat ("Yonder Is The Clock").

Aus der gemeinsamen Erinnerung an ewige Freundschaft in unschuldig zerrissenen Jeans, einem frischen Schicksalsschlag und der Einsicht, dass "One More American Song" nie genug sein kann (aber meistens alles ist, was bleibt), schöpfen The Duke + The King für "Nothing Gold Can Stay" zehn berückend schöne Happysad-Songs, die noch am Ende des Jahres und darüber hinaus zum Besten Nullnullneuns gehören werden. Garantido. Mit Bassy Bob Brockmann mischt ein Mixer mit, der auch HipHop kann und die Snare-Drum zwischendurch mal etwas lauter dreht. Aber das passt haarscharf wie die Faust aufs Auge. Wie sich das Schlagzeug zetbeh in "If You Ever Get Famous" dann doch noch reinschleicht, als man nach zwoeinhalb Minuten nicht mehr wirklich damit rechnet, das hat schon Klasse. Oder wie Felice im warm-nostalgischen "Water Spider" singt: "Jesus walked on water", um dann knochentrocken hinterherzuschieben: "but so did Marvin Gaye." Goldene Momente nicht nur für schulschwänzende Lausbuben und –mädels auf unserem klangwellenshakenden Bühnenfloss an den Ufern des Mississihl-River.

   
 

...Warum denn nicht in die Ferne schweifen

Sonntag, 22. November zero9, 20Uhr20

ANDRA BORLO

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"Wenn Andra Borlo singt, ist das als flösse Honig über Schmirgelpapier - diese Stimme, so schmackhaft rau, so unschweizerisch masslos, ist ein Ereignis.”, schreibt die Berner Zeitung. Warum denn nicht in die Ferne schweifen, wenn die Welt mehr zu bieten hat als "Ewigi Liebi", "Schacher Seppli" und "Alperose"? Nach dem "New York Diary" folgt nun Andra Borlos Zweitling "Pieces Of Buenos Aires" Sie lässt sich zwar nicht gern schubladisieren, bezeichnet aber ihre Musik trotzdem als Alternative Accoustic Pop mit einem Hauch von Tango, einer Prise Folk und immer einem bisschen Soul, den sie in der Stimme habe.

Innert sechs Wochen stampfte sie in Buenos Aires eine Studioband mit diversen argentinischen Musikgrössen aus dem Asphaltdschungel. Zum Bespiel Walter Rios, der auf Piazzollas Bandoneon spielt. Dazu gesellen sich Posaune, Bass, Piano, Gitarre und Drums. Live ist sie mit Musikern aus Argentinien, Chile und der Schweiz unterwegs. Andra’s Stimme kratzt an jeder Oberfläche, auch kugelsicheren, dringt ein in unsere heisshungrigen Herzen und bringt unser cooles Blut ins Brodeln. Schlichte, einfache Texte, die auf der ganzen Welt kursieren und verstanden werden. Ob in Spanisch oder Englisch, ob es um verflossene Liebe oder die innige zur Schwester geht: Musik ist die Sprache, die uns verbindet und menschlich macht. Klar, dass wir schon jetzt unerhört gespannt sind, in welchem Land Andra sich zu ihrem dritten Streich inspirieren lässt. Die Welt ist rund somit ohne Ende. Trotzdem würden wir mit Andra ans Weltende reisen. Oder zum Erdmittelpunkt. So warm wird uns ums Inselwind-gekühlte Herzblutherz bei diesen grossen Klängen.

   
 

...texas rose

Samstag, 21. November zero9, 21Uhr21

ROSIE FLORES

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"Mein neues Album "Girl of the Century" mit Jon Langford und den Pine Valley Cosmonauts wird im September 2009 auf Bloodshot Records erscheinen", verkündet Rosie Flores vor Redaktionsschluss von R.E.S.P.E.C.T. auf ihrer neuen Homepage. Und da steht weiter: "Ihre Musik mischt das beste aus Honky Tonk, Rockabilly und Jazz mit den tradionellen Sounds ihres Tex-Mex-Erbes." Was die in Südkalifornien aufgewachsene Texanerin auch anpackt, es scheint ihr mühelos zu gelingen. Franz Dobler weiss: "Rosie Flores konnte ihr Idol (Wanda Jackson) 1996 für eine Tournee gewinnen, und so bemerkte die alte Dame verblüfft, dass sie von einer neuen Fan-Generation als "Queen of Rockabilly" verehrt bzw. als frühes Riot Grrrl angesehen wird." Und was der gute alte Nick Tosches in seinem Buch "Unsung Heroes Of Rock 'n' Roll: The Birth Of Rock In The Wild Years Before Elvis" zu Wanda Jackson schreibt, passt gut und gern auch auf Rosie Flores' Organ: Ihre Stimme "klang als könnte sie Eier auf ihrem Venushügel braten." Wenn das kein Versprechen ist! Da ist es nur logisch, dass diese immer leicht rauchig-brüchige, aber trotzdem kräftige und volle Stimme auch auf dem grossartigen Album "A Little Bit of Heartache" dominiert. Eingespielt im good old fashioned style von Patsy Cline und Hank Williams mit Ray Campi, einem der wildesten Rocker der späten 50iger im Lone Star State. Ihr seht, da kommt eine ziemlich unberechenbare Frau, die nicht nur musikalisch was zu melden hat, sondern auch unnachahmlich Gitarren spielt. Eine Frau, der alles zu Gold wird, was sie anpackt. Und siehe, wenn sie unsere Bühne verlässt, wird diese gleissen und glühen wie die Sihl bei Sonnenuntergang. Denn die Sonne wird wieder aufgehen, wenn sie uns zum Abschied küssen wird und "bye bye till next year, boys...!"

   
 

...auf der suche nach dem perfekten song

Montag, 16. November zero9, 20Uhr20

TODD THIBAUD / JEFFREY FOUCAULT / KRIS DELMHORST

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Ganz ehrlich - welche Bilder sind es zuerst, die das Wort "Folk Music" bei uns auslöst? Tauchen da nicht langhaarige Hippies vor unserem inneren Auge auf, die wütende Poesie und zärtliche Parolen zu rudimentärer Gitarrenbegleitung in die Welt der 1960er hinaustragen? Fiedeln und Akkordeone, die in wunderschön rauch-geschwängerten Beizen und zu ebensolchen Stimmen mit Banjos und Mandolinen um die Wette kreiseln? Durch übertriebene Klischeebildungen verkümmerte der "Folk" nach seiner Blütezeit in einer No Go Area. Doch was gut ist kommt wieder: Selbst die synthetischste Phase des Pops konnte den akustischen Urquell der Popularmusik nicht zum Versiegen bringen. Mit gekonnter Lyrik und ein paar Gitarrenakkorden ist es heute freilich nicht mehr getan: Was die Enkel von Woody Guthrie und die Töchter und Söhne von Dylan, Baez und den Weavers ersinnen, ist weder grob gehämmert noch psychedelisch verbrämt, sondern feinste Songwriting-Kunst. Die alten Bärte sind längst ab und Folkmusik hat in Amerika ein unverbrauchtes, frisches Gesicht, gibt sich politisch dabei immer noch engagiert und vor allem: musikalisch äusserst vielfältig mit offenen Türen zum Country, Gospel, Pop und Blues. Gerade zwischen Boston und Austin schlummert da für uns Europäer eine Menge Unentdecktes.

Zwei alte Bekannte und Madame Foucault a.k.a. Kris Delmhorst, mit der einst Jeffrey das Trio Redbird gegründet hatte, das wir immer mal bei uns haben wollten..... nun: zwei Drittel tauchen hier nun an der Sihloberfläche auf. Zusammen mit Mr. Thibaud, der unsere Bühne schon grausam und hopplalätz solo gerockt hat: US-Singer/Songwriter Thodd Thibaud hat musikalisch einiges auf dem Kerbholz: Als ehemaliger Bandleader der Bostoner Courage Brothers driften seine Songs im farbenprächtigen Niemandsland zwischen Rock, Folk, Country und Blues. Aber eben: Man muss es selbst hören, um das Thibaud’sche Sounduniversum erfassen zu können. Er jedenfalls gibt immer sein bestes: "Als Songwriter bin ich in einem ständigen Lernprozess auf der Suche nach dem perfekten Song. Natürlich werde ich dies nie erreichen, aber ich arbeite daran." Knackiger Roots-Rock, melodiös, sensibel und mit wunderbar originellen Ecken und Haken. Seine aktuelle Scheibe "Broken" spielte er akustisch ein und liess dann langjährige Kumpels drüber spielen. Herausgekommen ist ein intelligentes, richtig tolles Americana-Piece, das einem beim ersten Hören schon vertraut vorkommt und trotzdem nie verleidet. Und live: das Erlebnis überirdischer Freiheitsgefühle! Wir wissen es.

Was für ein Titel: "Shoot The Moon Right Between The Eyes: Jeffrey Foucault Sings The Songs Of John Prine" (2008)! Eine Aufforderung, den Mond (und nicht den Mann darin) gezielt zu erschiessen. Und sowas in den terroristenparanoidisierten Staaten, die soeben wieder ihre bemannte Mondfahrt-Milliardenkiste feiern, als gehörte ihnen alles Geld der Welt. Jeffrey Foucault aus Wisconsin – oder eben die lebenden Songwriter-Legende John Prine – muss von einem ganz gefährlichen Affen gebissen worden sein: "Ich war siebzehn als mein Dad John Prine’s erstes Album nach Hause brachte und es wurde für eine Weile meine Privatreligion. Ich lernte Gitarre zu spielen, indem ich seine Songs lernte; und Dad und ich spielen sie noch heute nach dem Abendessen, wenn ich mal zuhause bin. Sie haben mich für Jahre in Hotelzimmern, fremden Ländern, auf und neben der Bühne begleitet, immer auf wunderschöne und unerwartete Weise die Wahrheit erzählend. Das ist die Platte, die ich immer schon mal machen wollte." Okay, damit ist wohl alles gesagt. Den Rest könnt ihr googeln, last.fmeln oder youtubeln: Am besten aber kommt ihr einfach her und erlebt, wie Thibaut, Kris Delmhorst und Foucault in unserer überirdischen Inselkathedrale eure brachliegenden Seelensaiten in ungeahnte Schwingungen versetzen. Da sind Worte halt einfach sprachlos.

   
 

...vom Teufel geritten

Sonntag, 15. November zero9, 20Uhr20

BLK JKS

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Eine EP mit gerade mal vier Songs in neun Jahren. Äusserst mysteriös! Entweder sind BLK JKS aus dem südafrikanischen Johannesburg zu faul, um nur schon ihren Namen "Black Jacks" auszuschreiben oder aber da sind Genies unterwegs in den Rock-Olymp, deren Kunst auf dem reichhaltigen Mist zunehmender Erfahrung immer besser gedeiht. Wir tippen auf Letzteres: Die beiden Jugendfreunde Lindani Buthelezi (Vocals) und Mpumelelo Mcata (Gitarre) rufen um die Jahrtausendwende das Projekt BLK JKS ins Leben und erspielen sich mit verqueren, fremdartigen Beats, lärmenden Gitarren und unermüdlich treibender Rhythmus-Sektion begeisterte Fans. Sie berufen sich auf den in den 60ern entstandenen Mbaqanqa, spielen aber eine Art Update-Version dieses aus Zulu-Tradition und Soul-, Jazz- und Reggae gemischten Musikbreis (kein Witz, Mbaqanga ist ein einfacher Brei – Hauptnahrung vieler armer Südafrikaner). Zusammen mit Tshepang Ramoba (Drums) und Molefi Makananise (Bass) nehmen sie besagte EP "Mystery" mit keinem Geringeren als Brandon Curtis (Secret Machines) auf, der Longplayer "After Robots" müsste bei ihrem ellokalen Auftritt das Nachroboterzeitalter eindrücklich live verkündigen. Einen Vorgeschmack auf das teilweise mit dem Hypnotic Brass Ensemble eingespielte Erstlingswerk findet ihr auf der Secretly Canadian-Website (secretlycanadian.com) mit dem Song "Molallatladi". Aufwühlend, treibend, visionär & psychedelisch, extrem vielschichtig. Eine gepfefferte Prise Afro-Pop, TV On The Radio & Vampire Weekends garniert und aufgestachelt von wildgewordenen, weit ausschwärmenden Killerbienengitarren, die auch vor Hendrix & Santana nicht Halt machen. Der Teufel reitet diese vielschichtige Indie-Weltmusikreise und führt uns nach tollkühnen Ausritten & Wendungen ins GPSlose immer wieder auf den rechten Weg zurück. Puh! Was für ein Glück, welch göttliche Endorphin-Ausschüttungen! Und das alles auf kleinstem Traumraum in unserer lokalen Inselbretterverschlagswelt.

   
 

...schwing deinen Arsch her!

Sonntag, 8. November zero9, 20Uhr20

LEFT LANE CRUISER

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Left Lane Cruiser (kurz: LLC) wurde 2004 in Fort Wayne, Indiana, gegründet. Und zwar von Fredrick "Joe" Evans IV (Slide-Gitarre & Gesang) und Brenn Beck (Drums, Harmonika, Backup-Gesänge und diverses Perkussionsgerät). Selber sagen sie, dass ihre Haupteinflüsse vom North Mississippi Hill Country Blues kommen, meist zuhaus bei Fat Possum Records. Ihr Label Alive Records (Natural Sound) schwärmt euphorisch: "Junge hier wird die Kuh mal richtig zugeritten!!! Die Scheibe macht Spass von der ersten Sekunde an! Absolut grooviger R´n´B mit Shuffle-Beat und Slide-Gitarre. Dazu die total kaputte, Whisky-getränkte Stimme von Brenn Beck - alles schön trashig produziert und mit ganz viel Herz." Die beiden haben übrigens schon diverse EP´s veröffentlicht, laufen hier aber zur absoluten Höchform auf! Fans von den Black Keys und RL Burnside sollten unbedingt mal reinhören. Grosse Scheibe! Nach "Bring Your Ass To The Table" wird nun gegessen, was auf den Tisch kommt: "All You Can Eat!!" zeigt auf dem Cover im 40-50er-Jahre-Stil des letzten Jahrtausendjahrhunderts einen Cowboy-Hahn mit Cowboy-Hut-Halstuch-Gilet und Cowboy-Revolverheldgurt samt Inhalt. Vermutlich geladen und wahrscheinlich heisst das: Hühnergrippe ist Schweinekram und Rinderwahn. Oder so. Oder einfach wie der erste Song des Albums: "Crackalacka". Und die beiden treiben zwischen Fribourg (Switzerland) und Freiburg (Germany) auf unserer schwankenden Lokalbühne nicht nur Hypochondern die guten Nachrichten endgültig zum kranken Hirn raus, wenn sie zum "Broken Ass Blues" ansetzen. Tja, LLC cruisen zwar nur zu zweit und links, aber sie ziehen schräger und schwärzer als ihr Schatten.

   
 

...bezauberndes Doppelpack

Samstag, 7. November zero9, 21Uhr21

VICTORIA WILLIAMS

SIMONE WHITE

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Alle ihre Scheiben gehören in jede musikalische Hausapotheke. Die 51-jährige Victoria Williams hat eine strange Stimme, schreibt fantastische Songs und singt diese gerne zur Begleitung ihres Uralt-Banjos. Mit anderen Worten: unwiderstehlich! 1993 erkrankte sie an Multipler Sklerose. 1994 nahmen Künstler wie Pearl Jam, Lou Reed, Soul Asylum, Lucinda Williams, Maria McKee, Michael Penn, Evan Dando mit ihren Songs das grossartige Benefit-Tribute-Album "Sweet Relief: A Benefit for Victoria Williams" auf, woraus ein Fond entstand, der Musikern im Krankheitsfall hilft.

Die zwölf neuen Stücke von "Water To Drink" sind köstlich, atemberaubend gelassen und anders: Entstaubter Folk mit Pedal Steel Gitarre, swingender Bar-Jazz, retrograder West Coast-Sound, verspielter Bossa Nova, und ganz viel vom Charisma grosser amerikanischer Popmusik. Zusammen mit Ehemann Mark Olsen (ex-Jayhawks), Greg Leisz, Van Dyke Parks, John Convertino (Giant Sand, Friends Of Dean Martinez, Calexico) und vielen kalifornischen Musikerfreunden ist hier ein ganz großer Wurf geglückt.

In Japan preisen die Strassenverkäufer ihre gegrillte Süsskartoffel yaki-imo singend an. Solche Gesänge finden sich auch auf dem dritten Werk "Yakiimo" der auf Hawaii geborenen Simone White. Und die Künstlertochter braucht nicht um Authentizität zu ringen: "Mich hat niemand gefragt, wann ich mir endlich einen vernünftigen Job suche." Auch so kann man domestizierten street credibility-Romantikern piekfein die Luft rauslassen. Und nach ihrem euphorisch gelobten Zweitling "I Am The Man", bezaubert sie nun mit gewohnt ungewöhnlich sparsamen Folk-Pop-Songs. Und da es auf Hawaii viele Nachfahren japanischer, aber auch portugiesischer Einwohner gibt, ist zu vermuten, dass White garantiert yakiimo im Blut hat, aber auch ein bisschen Fado-Melancholie. Die Viertweltregion Amerika kommentiert sie lakonisch: "Did you ever think this was the greatest country in the world?"

Im direkten Vergleich mit dem Vorgänger klingt das neue Album zartgetupfter, geflüsterter, gefasster. Als hätte sich die Sängerin völlig in sich versponnen. Elektrisch verstärkt wird überhaupt nichts mehr, die Begleitung der Songs ist transparent wie Shojipapier, um mal in der Region zu bleiben. So wie bei dem japanischen Papier das Licht durch die Fasern scheint, klingt Simone Whites Stimme durch die Arrangements ihrer Songs. Neben der akustischen Gitarre ist ein wenig Perkussion zu hören und hie und da eine Violine. Manchmal erinnert sie an Astrud Gilberto, was sich nun wiederum mit der portugiesisch-brasilianischen Verwandtschaft erklären lässt. Im Grunde reist Simone White im Geiste ihrer Lieder einmal um die Welt. Auch ihre derzeitige künstlerische Heimat Nashville lässt sich nicht überhören. Produziert wurde die Platte von Mark Nevers, der ansonsten für Lambchop verantwortlich ist. - nach Frank Junghänel, Berliner Zeitung

Wir freuen uns auf dieses grossartige und aufwühlende Frauendoppelpack, das die Planken sicher nicht krachen lassen wird – aber das sanfthypnotische Wogen eines Flosses auf sanftgekräuselter Sihl wird umso schöner sein. Sayonara & Hello!

   
 

...fiebrig flackernd

Montag, 26. Oktober zero9, 20Uhr20

PAULA FRAZER

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Paula Frazer stammt aus einem Kaff in Georgia, nahe der Smoky Mountains und lernte im Kirchenchor ihres Vaters singen. Aber ihre Musik kennt kein Alter. Irgendwann dann San Franciscowärts autogestoppt. Dort Jungs getroffen und ihre Band Tarnation mit auf den Sampler rundum die Golden Gate gestellt: "Now Its Time Hit Me With A Flower", wo wir sie schliessundendlich entdeckt haben: Mit einem Sound ganz wie die legendären Cowboy Junkies, einem zeitlich schwer zu verortenden Genre, das sich Spooky-Country nennen liesse. Aber warum denn alles eintopfen, wir sind doch nicht alle Kammermusikgärtner. Anfang der 90er des letzten Jahrhunderts erschienen zwei Alben, die so unerklär- wie wunderbar die Welt in ein geheimnisvolles Leuchten tauchten. Frazer sang stolz und zugeknöpft wie eine Pionierin aus dem Goldrausch-Jahrhundert. Die Gitarren tanzten einem mit Echo und Tremolo um den Schädel, dass man meinte, Lee Hazlewood hätte das Mischpult persönlich aufgemischt. Dann kam sie ein erstes Mal zu uns. Keuchhusten. Grippe. Fieber. Alles. Und sie konnte nicht singen. Ein Krächz wie von einer Krähe auf dem nächsten Dach. Das passiert immer wieder, wenn die Menschen aus San Francisco im Winterland quer€uro touren. Paula hat Honig und Tee bekommen und Tarnation hat instrumental gespielt und vorgeholt, was junge Bands jetzt rundum Black Angels (demnächst Fabrik!), $pindrift etc. wieder entdecken: Ennio Morricone.

Mit ihrem neuen Songs bewegt sie sich wieder auf dem Klangterrain, das wir am liebsten mit ihr durchschweben. Ihr Sopran klingt so klirrend und körperlos, als wehe er aus dem Planwagen des 19. Jahrhunderts heran. Und alles, was hier besungen wird, ist schon Erinnerung. So wie in dem Song "Sleeping Dreams", wo sie zur knorrigen Pumporgel alleine durch ihr Gedächtnis streift. Oder wie in "Shadows", einem der Höhepunkte des Werks, bei dem die Akkorde der Griffbrettzither so unheimlich flackern wie die fiebrigen Bilder der Erinnerung. Country der zeitlosen Art: gespenstisch, aber niemals gestrig. Und so weht der grenzenlose Pioniergeist seit Urzeiten über die endlosen Horizonte unseres immer wieder neu zu entdeckenden Inselparadieses und schürt das lodernde Lagerfeuer der Zukunft...

   
 

...“We Used to Think the Freeway
Sounded Like a River”

Sonntag, 25. Oktober zero9, 20Uhr20

RICHMOND FONTAINE

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Richmond Fontaine ist nicht der Name eines Singer/Songwriters, sondern eine Band aus Portland, Oregon. Sänger Willy Vlautin schuf sich den heruntergekommen Typen Richmond Fontane als Inspirationsquelle für seine Songs. Still und weit tragen diese Natur und Kosmos in sich. Zeitlos und überzeugend unspektakulär. Berüchtigt sind die Live-Shows des Quartetts trotzdem. Richmond Fontaine’s fünftes Album "Post To Wire" ist ein reizvolles Americana-Juwel, eine wehmütige, vergilbte Postkartenreise durch Kalifornien und zerplatzte Träume. Langsam und unverbaut türmen sich die musikalischen Landschaften zu gigantischen Cumuluswolken auf, bis sie sich bildgewaltig in Cinemascope-Breite entladen. Jaulende Pedalsteels ziehen über die Western Skyline. Als Seelenverwandte von Uncle Tupelo haben sie begonnen. Mit ihrem siebten Studioalbum "Thirteen Cities" beweisen Richmond Fontaine, dass die Auszeichnungen für ihre vorhergehenden nicht zufällig erfolgten. Aufgenommen in den legendären Wave-Lab-Studios in Tucson, Arizona, haben sie mit Unterstützung von Calexico und Howe Gelb (Giant Sand) und Produzent J.D. Foster (Dwight Yoakam, Green On Red) und Paul Brainard (Pedal Steel) ein abwechslungsreiches Grind-Country-Werk geschaffen, in dem sich die Nähe zur mexikanischen Grenze in Mandolinen, Orgel, Akkordeon und Bläsern niederschlug. Willy Vlautin hat übrigens einen Roman geschrieben: "The Motel Life". Und wer weiss, vielleicht schreibt er nach einem grandiosen Sihlinsel-Konzert in Zureich, Arizona, seinen zweiten: "The Island Life".

20. August 2009 16:04:32 GMT+02:00
Ergänzung zur Vorschau auf Richmond Fontaine: Willy Vlautin's Roman THE MOTEL LIFE ist sein erster, ja. Den zweiten hat er bereits geschrieben: Er heisst NORTHLINE und ist phantastisch. - Erhältlich in meinem Buchladen 'pile of books', Zentralstr. 16, 8003 Zürich.www.pileofbooks.ch
Ich freue mich riesig auf Willy und die Jungs! cheerio, Dani

Der Septemer-Rolling Stone meint: "

   
 

...come to where I'm from

Donnerstag, 22. Oktober zero9, 20Uhr20

JOSEPH ARTHUR

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Noch so ein Einzigartiger, der seinen Weg zum Singer/Songwriter-Olymp schon lange in Angriff genommen hat und wahrscheinlich da ist: 1997 entstand nach der Eigenproduktions-EP "Cut And Blind" Joseph Arthur’s erste Platte 2Big City Secrets". Und zwar als erster Rocker auf Peter Gabriel Real World Records-Label. Etliche Touren später bringt die EP "Vacancy" eine Grammy-Nominierung. Arthur tritt im Vorprogramm von Ben Harper und Gomez auf, bevor das Album "Come To Where I'm From" (2000) erstmals grössere Aufmerksamkeit erregt. Seine Produktion wirkt fast übermenschlich: Alle zwei Jahre ein Album, mindestens doppelt so viele EP’s. So erscheint 2006 "Nuclear Daydream", ein Jahr später gefolgt von "Let's Just Be". Ausserdem unterstützt der 29-Jährige andere Künstler, lässt sich covern, covert selbst, bringt eben mal so ein Artbook heraus oder wird in unzähligen TV-Serien gespielt. Eine Single, auf der im Juni 2008 erscheinenden EP "Vagabond Skies" heisst "Slow Me Down". Zu spät, wagen wir mal vorsichtig zu diagnostizieren.

Joseph Arthurs viertes Werk "Redemption’s Son" stellt klar: Für gepeinigte Künstlerseelen, die sich ihrer Alpträume in religiösen Liedfantasien oder gemalten Totenköpfen entledigen, wird es immer ein Plätzchen auf Erden geben. Arthurs selbst entworfene Plattencover wurden auch schon für den Grammy nominiert. "Redemption’s Son" hat er wieder fast im Alleingang eingespielt. Die Songs erinnern an The The, World Party und in den besten Momenten Crowded House (wohl ein Verdienst des Mischers Tchad Blake) und immer mal wieder brennt ihm – wie Midnight Oil rockend – der Gaul durch. Sven Niechziol: "Immer wieder tauchen Dämonen, Zweifel, seelisches Durcheinander und Ängste auf. Die Stimme klingt verletzt, gequält und erreicht ihre ganz grosse Wirkung, wenn sie zu akustischen Folk-Songs singen darf. Das Multitalent lässt seine Seele bluten, wird ironisch und der Humor kann schon mal derbe und tiefschwarz sein." Na, heiliger Joseph und Maria, dann sans schon mal herzlich gegrüesst, auf unserer Heiligen Erlösungsinsel an der Ganges-Sihl, Unser Aller Liebster Herr Arthur.

   
 

...hey now

Montag, 19. Oktober zero9, 20Uhr20

TENFOLD LOADSTAR

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Die superlativ-begeisterten Stimmen überschlagen sich beim Hamburger Trio Tenfoald Loadstar schon seit ihrem Debut. Musikexpress wirft für den "Zehnfachgefalteten Polar- oder Leitstern" mickrig-maximale fünf Sternchen in den deutschen Pophimmel: "Caro Garske hat eine der bezauberndsten Stimmen, die man in diesem Land seit langer, langer Zeit gehört hat. Ehrlich." Stimmt. Ehrlich. Was für eine Band! 1999 gegründet, ist Tenfold Star zehn Jahre später immer noch unterwegs und hier bei uns. Blubbernde Elektrobeats, zarthauchige Folk-Balladen und Nu-Blu-Trash meet Americana.
Caro Garske (gitvocelectronica), Felix Wiesner (githarpvocacc) und Björn Matthias (drumselectronica) kosteten mit Bata Express bereits die dünne Major-Luft. Ihr neuster und dritter Wurf "It’s Cold Outside And The Gnome Is You" verleiht der Hoffnung Flügel, auch wenn das Leben noch so gemein ist. Nein, Leute, niemand ist allein, wenn diese bittersüsse Stimme uns mit ihren klugen Bekenntnissen in unseren Herzen rührt. Und diese musikalische Vielschichtigkeit, die locker zusammenbringt, was nicht zusammengeht.

Postfeministische Liebesbeweise, Girl's walk and talk und die Alltagstücken eines offensiv gelebten Slackertums geben die Themen vor: "...see the rock'n'roll flame in the flag, kneel down with your own guitar feedback, I'm ten feet high...". Genau. Und rocken tut das Ding natürlich auch. Weisst du, wieviel Sternlein stehen an dem grossen Himmelszelt? – Hier kannst du mal anfangen zu zählen, du Gnom!

"Ich werde die verflixten Melodien einfach nicht mehr los. Das ist – ich hab ja nun nicht wirklich Caro Garskes Bernsteinklang in der Stimme – bereits ziemlich peinlich geworden. Wie letztens in U-Bahn. Dort kam es über mich, den Opener "Hey Now" nachzusingen. Für den Rest der Fahrt sass ich da sehr isoliert. Beste Gelegenheit nur erneut darüber nachzudenken, warum ich Tenfold Loadstar nicht mag. Mir ist immer noch kein triftiger Grund eingefallen." – Normal

   
 

...candy ass

Sonntag, 18. Oktober zero9, 20Uhr20

MARK EITZEL

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Kummer, Schmerz und Selbstmitleid? Wir empfehlen Mark Eitzel. Nicht, weil der American Music Club-Kopf ein guter Seelenklempner ist und wirklich helfen kann. Nein, aber irgendwie kriegt er kurz vor dem Amok oder klösterlicher Weltflucht immer noch einmal die Kurve. Ganz so schlimm und böse kann die Welt also gar nicht sein. Und wenn einer das weiss, dann er. Das Album "Music For Courage and Confidence" ist eine ungewöhnliche Sammlung von Cover-Versionen, voller Pathos und kurz vor dem Schmelzpunkt zum Supergau. Und es tut gar nicht weh, wenn er "Do You Really Want To Hurt Me" intoniert. Von wem war das noch mal, Boy George? Jedenfalls klingt das bei Eitzel so altbekannt wie neu. Und wundervoll eigen, wundervoll garniert Streichern, Bläsern und Engelszungen. Dass Eitzel unterschiedliche Stile schreddert, um sie als etwas ganz und gar neues wieder auszuspucken, solltet ihr schon von seinem letzten Auftritt her wissen.

Sagt über unsere allerletzte Insel, was ihr wollt, aber in Sachen Singer/Songwriter kann uns niemand was vormachen. Im Namen von Terry Lee Hale, Ben Weaver, Howe Gelb, Kurt Wagner und Bonnie "Prince" Billy: Mark Eitzel kommt auch aus dem Songwriter-Olymp zu uns herunter, um seine göttlichen Schöpfungen erstrahlen zu lassen. Nahbar, zerbrechlich, grinsend und grossartig. Amen.

   
 

...Bandits ballads

Samstag, 17. Oktober zero9, 21Uhr21

LA MINOR

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Gaunerchansons und Halunkenjazz aus der einstigen Sowjetunion: Postmodern und wild interpretieren La Minor alte Ganovenlieder und 30-50er-Jahre-Jazz mit dem Kleinkriminellencharme der St. Petersburger Banlieue. Strictly no overdub, alles live und authentisch auf akustischem Werkzeug vorgetragen, erkennt man den spezifischen La-Minor-Dirty-Folk aus jedem Weltmusikgetümmel klar heraus. 2000 gegründet war das Sextett schon oft auf Europa-Tour - Spelunken, Hallen, Festivals. Das russische Knopfakkordeon Bajan treibt, das Saxofon schmeichelt, der lichtscheue Sänger Slawa Schalygin tischt rüde Gangstergeschichten über böse Jungs, Liebe, Leidenschaft, Alkohol und Gefängnis auf. Sie riechen nach Unheil, tragischen Lovestories, dunklen Hinterhöfen, verrauchten Spelunken, besoffenen Matrosen und verlebten Huren, Pisse und null Robidog. Diese Promenadenmischung aus Jazz, Odessa-Beat-Klezmer, russischem Chanson und Dirt-Folk ist robust und wirkt garantiert auch gegen Staubmilbenallergien und böse Infektionen in sogenannt sterilen Spitälern. Typisch russisch schwankt die Musik zwischen den Extremen Ausgelassenheit und Depression. So angenehm abgefuckt und anrührend kann Klezmer sein. La Minors erstes Album heisst denn auch "Blatnyak" – Knastlieder. Da werden sich die lokalen Planken gefährlich verbiegen, wenn die sechs "Knastbrüder" in fleckigen Trägershirts mit atemberaubendem Tempo ihre Ausbrüche vom Stapel lassen. Und die Sihl wird zu Wodka werden. Prost auf Russisch: ???? ????????! [wasche sdarow'je] – oder so. Auf eure Gesundheit, Briederchen. Bleib sauber, gell.

   
 

...black & blue

Dienstag, 13. Oktober zero9, 20Uhr20

CHRIS GARNEAU

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Chris Garneau, ein 24-Jähriger im Körper eines 16-Jährigen. Oder einer Frau. Androgyn genug wirkt er. Und die Dauervergleiche mit Rufus Wainwright gehen im auch auf den, äh, Sack. Denn sie sind schlicht und einfach total daneben und überflüssig wie zwei Kröpfe. "Music For Tourists" heisst sein Erstling. Bittere Texte eines weisen Mannes. Gut abgehangen, gut gescheitert. Oder auch nicht. Eine Stimme, die dir sogar einen Mähdrescher andrehen könnte, solltest du auch nie im Leben einen wollen. Kumpel Jamie Stewart (Xiu Xiu) hat Chris bei Absolutely Kosher empfohlen, dem Indie-Label von The Hidden Cameras, Sunset Rubdown, Mountain Goats. Garneau steht in direkter Tradition von Künstlern wie Patrick Wolf, Regina Spektor, Matt Hales (Aqualung) oder Sufjan Stevens, die trotz intimster Texte und fesselnder Intonation für den Mainstream zu kantig sind. Auch Garneau distanziert sich durch Pose und ein gesundes Mass an Selbstironie von Pop-Klischees. Mord und Totschlag, Lügen, Vergessen, Verdrängung, der ganze Kasumpel, der das Leben ebenso ins Straucheln bringt wie er uns auf ewigvergänglich währende Umlaufbahnen des Glücks befördert. Wir sind ja alle nur Touristen auf diesem blauen Planeten. Also Leute, hier spielt die Touri-Musik! Packt eure Koffer und eure Sonnenbrillen ein – vergesst aber nicht, drei-vier Packungen Papiernastüechli – und begebt euch wider die Leichtigkeit und für das Hadern zu uns an die emotionalste und universumweit einzige Nicht-Unesco-aber-Weltkulturerbe-Insel an der allesfliessenden Sihl. – nach spex

   
 

...Big Boss Man

Dienstag, 6. Oktober zero9, 20Uhr20

T-MODEL-FORD

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James Lewis Carter Ford alias T-Model Ford – "The Tale Dragger" (to drag – schleppen, schleifen, zerren, eggen) denkt, er sei 78-jährig, aber er ist nicht sicher. Und das ist auch schon wieder Jahre her. Manche datieren seine Geburt in etwa auf 1925, andere 1924. Wir wissen’s auch nicht und es verheisst nur Gutes: Da kommt ein Bluesfossil von Gottes Gnaden in the house. Aber keine Sorge, bleibt ruhig zuhause, er lebt nach eigenen, zuverlässigen Angaben noch lange genug, damit ihr diese Riesennummer noch viele Male verpassen könnt: "God came to me in a dream. But it was real. God said, 'T-Model, you live a good life an' you'll make 110.' God told me that. An' I've lived a good life. I've been good to my wives and my family." Delikat gereifter Delta-Blues: Modern und ebenso alters- wie zeitlos. Deeper als Asie Payton, rhythmischer als Junior Kimbrough und knarziger als R.L.Burnside slidet T-Model durch seinen lebenserfahrenen Seelenschmerz. Nichts für blutige Anfänger, sondern Raw-Blues für Fortgeschrittene mit mindestens einem schwarzen Gurt. Eine reichhaltige Lebensschule, die erzählt von unerwiderter Liebe, den Leiden des hardworking man, seinen Sehnsüchten und Hoffnungen. Nur wenige Musiker loten die menschlichen Seelentiefen so glaubhaft aus wie T-Model Ford. Das Album "She Ain’t None Of Your’n" ist schlüssiger, strukturierter und weniger angry als seine letzte Platte "You Better Keep Still", aber nichtsdestotrotz ein weiteres Meisterwerk in einer langen Reihe von unerschöpflichen Musikschätzen. T-Model wird noch lange seine unvergleichlichen Geschichten auf unserem 110%-Pure-Cotton-Eiland an den Ufern der vielbesungenen Mississihl schleppen. Garantido.

   
 

Whiskey Rabbi: I Get To Drink At Work

Montag, 5. Oktober zero9, 20Uhr20

GEOFF BERNER

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Ein Mann, ein Akkordeon, ein Barhocker und eine Flasche Whisky. Oder korrekter: Whiskey. Geoff Berner ist der selbsternannte und nie herausgeforderte "Whiskey Rabbi" aus Vancouver/Kanada: "I get to drink at work." Einige Monate als Support der norwegischen Polkarocker Kaizer’s Orchestra verhalfen ihm zu bescheidenem Ruhm in ganz Europa. Ebenso seine legendären Auftritte bei den wichtigen Akkordeon-Festivals und anderen Folk- und Kuriositätentreffen. Jüdisch-kanadische Trinklieder nennt Berner seine Musik und verschweigt damit den Tiefgang der subversiven Texte - politisch, bissig, emotional. Wer zuhört, hat definitiv mehr davon, wenn Berner mit mal zorniger, mal sanft gebrochener Stimme seine kompromisslosen Songs inszeniert, unterlegt mit merkwürdigen und berührenden Klängen seines Schifferklaviers. Wir lieben diesen grandiosen Mix aus Klezmer, Songwriting, Punk und Stand-up-Comedy.

Berners Karriere ist erstaunlich: Nicht nur, dass er seit 2003 fortwährend auf Tour war (Kaizer’s Orchestra, Billy Bragg, Balkan Beat Box). Der ehemalige Kandidat der Grünen Partei in British Columbia zählt als Singer/Songwriter und Akkordeonist zu den aktuell kontroversesten Erneuerern der Klezmer-Musik. Einerseits steht er durchaus in der Songwriter-Tradition eines Leonard Cohen, andererseits bekennt er sich offensiv zu seinem musikalischen Erbe. Mit dem grossartigen "Klezmer Mongrels" schliesst Berner seine 2005 begonnene Klezmer-Trilogie ab. Ein grosses Stück Songwriting, Polit-Punk-Klezmer vom Feinsten, der zweifellos polarisieren, aber auch die Herzen öffnen wird. Grosse Musik, grosse Momente an einem kleinen Fluss, der wär er aus Whisky, äh, Whiskey, nur schwerlich an Geoff Berner vorbeikäme.

   
 

...pissed apostel

Sonntag, 4. Oktober zero9, 20Uhr20

MICHAEL J. SHEEHY

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Aus superb erzählten Geschichten erwachsen Sheehy’s bittere Erkenntnisse. Seine bewegenden Parabeln und Stories von der Finsternis der Alltäglichkeiten transportieren allerdings auch plötzlich einsetzende Befreiung. Brodelnd intensiv durchmisst der in London lebende Ire Sünde, Rettung, Himmel, Hölle und nächtliche Albträume - das Leben eben. Die dunklen Seiten von Folk und Country sind präsent, auch morbider Groove aus den Sümpfen des Mississippi-Deltas, Gospel und Acoustic Blues. Sheehy darauf zu reduzieren, wäre jedoch falsch. Nicht umsonst wird seinem explosiven, faszinierenden und ideenreichen Folk Noir-Potpourri – live im Sextett mit The Hired Mourners – nachgesagt, Spuren von Elvis, Mark Lanegan, Dr. John oder Leonard Cohen aufzuweisen. Musikalität und würdevoller Umgang mit stilvollen Versatzstücken finden Platz in einer atmosphärischen Tiefe, wie sie wohl nur aus starkem Schuldbewusstsein erwachsen kann. Sheehy "verharrt jedoch nicht in der Pose des Schmerzensmannes", sondern würzt seine lebensgebeutelten, lakonischen Betrachtungen mit subtilem Humor, der die Grenze zum Sarkasmus freudvoll überschreitet.

"With These Hands. The Rise And Fall Of Francis Delaney" - ein Konzeptalbum. Es geht ums Boxen. Und damit um die Themen, die im Sheehy’schen Kosmos ohnehin stets präsent sind: KampfHimmelHölleSündeSühneWürde. Selten hingegen: Vergebung. Eine Tour de force durch menschliche Abgründe. Sheehy ist ein Getriebener, der auch musikalisch bissiger, schartiger, abgewetzter agiert als zuvor, der in vielerlei Hinsicht in einer eigenen Liga spielt. Der Songzyklus erzählt die Geschichte des fiktiven Preisboxers Francis Delaney. "Diese Songs wurden für ein Musical geschrieben, das in den frühen 1960er Jahren spielt, und die Boxpromoter sind die wirklichen Verbrecher", sagt Sheehy. Ein vielfältiger Mix aus Gothic-Swamp, Vaudeville, Blues und Folk. Sheehy schreckt auch nicht davor zurück, einige der anstössigen Aspekte des Kampfsports aufzugreifen, wie etwa Rassismus und Homophobie.

Jesus, Elvis and Me (a short autobiography by Michael J. Sheehy)

I will never forget those pictures that hung from the walls of the various places I lived as a child. A Sacred Heart of Jesus; you know the ones with a red light bulb on a little ledge just beneath the picture of Our Lord baring His burning heart for all to see and the other was a huge framed photo of Elvis circa 1974 resplendent in a white rhinestone encrusted jumpsuit slashed to the midriff, guitar slung about his hips, jet-black hair, bronze skin, a little overweight but not yet the bloated grotesque he would soon become. In our home Jesus was God; but Elvis wasn't far behind.

My father is an Elvis fanatic who as a seven-year-old Irish boy in 1957 hustled his way into a cinema to see Jailhouse Rock and was hooked. His love of all things Elvis rubbed off on his children, my brother Larry and I would grease up our hair, tape a hairbrush to a broomstick then rock out like little muthas, much to our parent's amusement. I was more than a little jealous of my brother as he had straight thick hair while mine was kinky almost Afro-like hair. It doesn't matter anymore; these days we are both bald. A defining moment during my childhood occurred one Sunday evening at my grandmother's house. It was approaching six in the evening and it was time to leave for church, the BBC were showing the Elvis movie Loving You from 1957 and Jesus just couldn't compete, I didn't want to go to the god damned church! 'Who do you prefer?' my grandmother asked 'Elvis or Holy God?' 'Elvis' I said, anticipating my grandma's disgust. To church I went despite my protestations.

At five years old I was beginning to show a little artistic flair so my teacher got me to depict the Sorrowful Mysteries of The Rosary to be displayed in the church during Easter week. I took to the task with relish; I particularly enjoyed drawing The Scourging At The Pillar and The Crucifixion; the blood, the whip, the nails, the crown of thorns and the foreboding black sky over Golgotha; the suffering of Jesus really inspired me. I was working from my imagination and what I'd seen in the epic TV series Jesus Of Nazareth starring Robert Powell. I believe this is when I started developing a messiah complex. Soon followed my first Holy Confession, then first Holy Communion, then I became an alter boy. Where would it all end? Luckily I didn't get molested.

Shortly after I turned sixteen a very creepy priest encouraged me to go to Lourdes (place of miraculous healings at the foot of the French Pyrenees where The Blessed Virgin appeared to a peasant girl named Bernadette) to chaperone disabled children. Unfathomably I would make eight pilgrimages there over the next five years and I began singing in the church choir encouraged and inspired by the parish priest Father Pat Brown who had one of the greatest tenor voices I have ever heard. I met Mother Teresa and sang for her when she visited our church; she gave me a Missionaries of Charity medal (she was handing them out like lollipops) that I wore around my neck for a year or so. The first time I gave a girl oral pleasure, the medal kept getting in the way. Maybe it was God's way of letting me know I shouldn't have been eating pussy outside of Holy wedlock. Somewhere along the line I lost the medal and sold my soul to sex, drugs and rock 'n' roll. I was around twenty-one years old when my faith deserted me; but the guilt remained. To hide the black stain and alleviate the self-loathing, I took to drinking heavily, taking any drug I could get my hands on and trying to fuck anything that moved. I quickly realized I had failed miserably in my quest to be Christ-like so I thought I'd have a crack at being Elvis for a while; naturally this didn't work out too well either so I took to rock 'n' roll with a religious fervor and in 1995 I formed the band Dream City Film Club. We signed to Beggars Banquet in 1996 and made some records. Sometime during 1999 the group imploded in a hail of fists and forked tongues. My hair began falling out so I continued making records as a bald solo artiste mainly because I had no idea how to do anything else. My last album was five years ago so I thought it was about time to make another one. Nothing much happened in those five years except I got a little fatter and grew a big old beard. – Michael J. Sheehy, January 2007

   
 

...foot stompin' and dancing

Samstag, 3. Oktober zero9, 21Uhr21

JERSEY JULIE

"Hello, I am Jersey Julie, a sax player and singer from the USA. My band is called The Vagabonds, and our music is a mixture of Blues, New Orleans, Gospel, Country, and Rock-n-Roll.  Really "good-time" music that makes you feel good and groove.“, schreibt Jersey Julie aus Atlanta, Georgia, über sich. Dass ihre Musik bei jedem Konzert den hinterletzten Hintern vom hinterletzten Hocker reisst, ist nicht nur Legende. Charisma und Leidenschaft gehören zum Geheimrezept. Und viele, viele Zürcher Freunde und Fans. Ihre Band ist ein Duo, bestehend aus Jersey Julie und Mike Grene. Jersey begann ihre Performer-Karriere mit drei, lernte mit acht Sax zu spielen. Irgendwann wird sie auch ihre angefangenen Bühnenstücke und Filmdrehbücher vollenden. Und vielleicht bietet ihr Woody Allen mal eine Hauptrolle an. Aber auch dann würde sie nie aufhören, ihre Energie in den Saal hinauszusaxofonen, dass die vibrierenden Wände unserer allerletzten Kathedrale an der Sihl zu elastischem Gummi werden.

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...psychedelic prophet

Dienstag, 29. September zero9, 20Uhr20

HUGO RACE & THE TRUE SPIRIT

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"Thank you for your passion and understanding", hauchte Hugo Race damals im seligen "el Internacional" immer mal wieder ins Mikro, als müsste er sich für seinen schwer verdaulichen, schrägen Asphaltdschungel-Blues entschuldigen. Das Wetter an diesem Abend passte zur Musik: Es regnete und war viel zu kalt für die Jahreszeit. So verirrten sich nur rund 50 Verwegene an die Zentralsrasse, um der rauchigen Stimme des australischen Weltenbummlers zu lauschen. Race’s Musik passt in keine vorgezimmerte Schublade, wer jedoch Tom Waits "Bone Machine", Captain Beefhearts "Trout Mask Replica" oder auch "White Light/White Heat" von Velvet Underground liebt, wird auch seinen inzwischen neun Soloplatten einiges abgewinnen können. Einfach gemacht hat er es seien Fans noch nie, weder in den 80ern mit den australischen Kultcombos Marionnettes und The Wreckery noch in Nick Cave's The Bad Seeds und schon gar nicht in den 90ern mit seinen eigenen Werken zwischen intimem Blues und eruptivem Independent-Rock.

Das Potenzial des Melbourner Kettenrauchers zeigte sich denn auch erst in Midtempo- Songs wie "Valley Of Light" oder einer schaurigen elektro-akustischen Coverersion von "River Of No Return", in denen zur Freude von Ohren und Seele die Songs und nicht die Sounds im Vordergrund standen. Und wenn einmal der Mix stimmte, Race über den täglichen Kampf gegen das Schlechtdraufsein sang, der großartige Chris Hughes um sein Leben trommelte und Nico Mansy sowie Marta Collica mit Samples und Keyboards trippige Überraschungen einstreuten, erlebten die Zuschauer Glücksgefühle in all dem Unglück. Dann zeigte sich auch des Künstlers wahrer Geist: Stil, Charisma und Arroganz eines Grossen, jedoch ohne kitschige Melodik, die seinen grossen Bruder Nick Cave in Starsphären und in bestuhlte Philharmoniesäle katapultiert hat. Nach 100 Minuten war das Konzert vorüber. Alle sind geblieben, um sich diesen genialen Soundtrack eines Alptraums komplett anzuhören. – Draussen regnet es noch immer. Oder schneit’s gerade?

   
 

...schmerzlich schön

Donnerstag, 10. September zero9, 20Uhr20
Platte des Monats im Juli im deutschen ROLLING STONE!

MAGNOLIA ELECTRIC CO

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Hör sie dir an, die Neue, sitz einfach still, schliess die Augen, öffne dein müdes Herz und hör sie dir an, von vorne bis hinten und dann wieder von vorn: "Josephine" ist ihr Name. Und Magnolia Electric Co., die Band von ex-Songs:Ohia-Frontmann Jason Molina, dem "rastlosen, begnadet talentieren Songschreiber allerhöchster Folk- und Countryhöhen mit der wunderbaren Stimme der einsamen Seele" (spex) verdient nichts geringeres denn Superlativismen. Auch Rolling Stone schrieb anlässlich der neuen, wunderbaren Veröffentlichung "Josephine" (aufgenommen von Steve Albini) euphorisch: "Eine der herausragenden Rockbands unserer Tage. Eine Band, die den rockigen Neil Young aus Crazy Horse-Tagen in unsere Zeit übersetzt. Knorriger Heartland-Rock, mit ausserordentlich robusten Gitarrrenlicks." Die Platte beschäftige sich einerseits mit Entwurzelung, andererseits verarbeite sie den tragischen Tod des Magnolia-Bassisten Even Farell, der bei einem Wohnungsbrand ums Leben kam, sagt Molina selbst. Dementsprechend traurig schön klingt das Ganze. Die gross- & einzigartige Stimme oft entrückt, angstvoll, glasklar. Ein bisschen elegisch wird’s immer dann, wenn vom alten Horizont und vom Teufel gesungen wird. Magnolia Eletric Co. ist eine Band wie 16 Horsepower, die countryesken Rock auf einzigartige Weise spielt und sich ganz selbstverständlich als Erbe einer langen Tradition sieht, fernab von den üblichen Americana-Langweilern. Molina findet, Will Oldham ähnlich, stets neue Ausdrücke für die Poesie seines Landes und deshalb wollen wir ihn immer wieder auf unserer Insel hören. Und gleich noch einmal von vorn.

Und was der Rolling Stone zur Platte im Monat August 09 meint:

"Ein Cover, auf dem nur der Band-Name steht. Oder ein Cover, auf dem nur der Plattentitel steht. Anstelle eines Booklets: ein Zettel. Die Songtitel und Musiker-Namen in schlamperter Handschrift. Etwaige Lyrics in Kladde hingeworfen. Und der Band-Name mal so, mal so geschrieben.

Das ist, auf das Sichtbare verkürzt, die Strategie des Songschreibers Jason Molina, seit er in den 90er Jahren mit der Band Songs:Ohia hervortrat: geheimnisvolle, betörende Folk-Songs, die sich immer mehr auf den elektrischen Neil Young zubewegten, woraufhin Songs:Ohia im Jahr 2003 fast unmerklich in Magnolia Electric Co. übergingen, die zunächst sogar einige Stücke der Vorgänger übernahmen.

Es war ja immer Jason Molina mit Musikern. Der nirgendwo je - und vor allem nicht in den USA - großflächig porträtierte Solitär lebt in Chicago, lässt seine Platten schnell und unspektakulär von Steve Albini aufnehmen, geht manchmal auf Tournee mit ein paar Kollegen, die es bestimmt nicht fürs Geld tun.

Anders als Bill Callahan, Sparklehorse, Vic Chesnutt, Will Oldham, Calexico und Lambchop wird Molina auch nicht in Europa als verstecktes Genie gefeiert; Magnolia Electric Co. kommen nur in den Rezensionsteilen der Musikzeitschriften vor. Der Begriff "independent" erfasst heute Gossip und The Kills, noch immer Sonic Youth und Yo La Tengo, sogar die Yeah Yeah Yeahs und die White Stripes. Jason Molina ist ein Niemand.

Kaum jemand nutzt die absolute Freiheit so konsequent wie er. Zwei, drei Platten in einem Jahr hat es schon gegeben. Eine EP zwischendurch, darunter eine Fassung von Warren Zevons "Werewolves Of London". Eine Holz-Box mit vier Alben und einem Film. Molina liebt hörbar einige amerikanische Musiker, er hat auch schon einmal in Nashville aufgenommen, er könnte ein Elvis Costello sein. Aber immer wieder spielt er diese strengen, ernsten, naturschönen Gitarren-Epen von glasklarer Reinheit.

Auf "Josephine" hat Molina nun einige Instrumente ergänzt: Dobro und Lap-Steel-Gitarre aus der Country-Musik, die ihm nah ist, aber auch Mellotron und Saxofon. Verwendet heute kaum jemand außerhalb von Jazz und Prog-Rock. Aber die Songs fließen wieder so dahin, Molina singt zugleich traumverloren und hellwach. Die Stücke heißen meistens so, wie Songs vor hundert Jahren betitelt wurden: "O! Grace", "Shenandoah", "Shiloh", "Whip-Poor-Will". Der Western ist da, die Weite, der Horizont. Aber kein Outlaw Pete braust hier auf seinem Motorrad, und man denkt auch niemals an das verschwundene Paradies und die letzten Büffel, wie Neil Young es in seinem Werk tut. Magnolia Electric Co. haben - wie die Cowboy Junkies - ihre Welt in sich selbst, sie lassen sich so wenig beeindrucken wie Gläubige der Zeugen Jehovas."

Und Berthold Seliger:

Klassische, zeitlose Balladen, von Country- und Folkeinflüssen durchwirkt, mal von Gitarre, mal vom Klavier getragen, mal eine Lapsteel- bzw. Dobro-Gitarre, mal unterlegt von einer Orgel, mitunter rockig im Sinne von Neil Young - also allerbester "Stoff", wie man es von Jason Molina's Band und einem Songwriter seiner Güteklasse (Songs:Ohia) erwarten kann.
Und doch ist diesmal etwas anders. Nicht nur, daß kein Geringerer als Steve Albini das neue Album "Josephine" produziert hat - es handelt sich um ein Konzeptalbum, in dem sich Molina mit dem Tod seines Bandmitglieds Evan Farrell auseinandersetzt. Es geht Molina darum, mit diesem Album dem Leben und Geist des im Dezember 2007 verstorbenen Bassisten Ehre zu zollen. Laut Molina ist jeder Song "der Versuch, die Hoffnungen, die Evan für dieses Album hatte, zu verwirklichen". Und so bekam das Magnolia Electric Co.-Opus, das sich ja ohnedies schon immer mit "universeller Einsamkeit" auseinandergesetzt hat, eine neue Bedeutung, eine Erweiterung in einer fokussierten, direkten Art und Weise. "…an hour glass… filled with tears and twilight from a friend's dying day" singt Molina.
Eine Musik, die uns immer wieder aufs Neue das Herz zerreißt.
"Album des Monats" im Rolling Stone 8/2009. Und live zu sehen und zu hören.

   
 

...Americana vom Feinsten

Donnserstag, 17. September zero9, 20Uhr20

THE LOW ANTHEM

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Charles Darwins Fahrt von 1831 auf der HMS Beale gilt als eine der wichtigsten wissenschaftlichen Reisen der Geschichte. Fünf Jahre unterwegs traf er die Ureinwohner Feuerlands, grub in Patagonien Fossilien aus und entdeckte auf den Galapagosinseln seltsame Tierarten. Am Ende hatte er 1529 Spezies in Spiritus eingelegt und die Grundlagen für seine Evolutionstheorie geschaffen. Nun schicken ihn The Low Anthem aus Providence, Rhode Island, mit ihrem Zweitling „Oh My God, Charlie Darwin“ erbarmungslos wieder aufs Meer hinaus, denn die Erde ist unter Wasser, kein Land mehr in Sicht. Das allgegenwärtige Nass ist scheisskalt und der Mensch stirbt aus: Eine neue Evolution kann beginnen. "Oh my God, the water’s cold and shapeless", säuselt’s, lieblich zirpt dazu eine Akustikgitarre, eine Mundharmonika quäkt. "Oh my God, it’s all around / O my God, life is cold and formless." In England bereits als "Gottesgeschenk" gepriesen, gehört die Scheibe auch hier garantiert bald zu den herausragenden Alben des Jahres 2009.

Wenn Leadsänger Ben Knox Miller in der hinreissenden Ballade "To Ohio" mit raspelnder Stimme zu Oboe, Mundharmonika und Gitarre einer vergangnen Liebe hinterhersingt "now every new love is just a shadow", erinnert das an den Protestsong-Klassiker "Ohio" von Crosby, Stills, Nash & Young. Und geich danach folgen mit "The Horizon Is A Beltway" und dem Tom Waits-Cover "Home I’ll Never Be" zwei Superkracher, bei denen Miller röhrt, als steckten Eisenspäne in seinem Hals. "Die leisen Songs lassen die lauten noch lauter klingen, und umgekehrt", so Miller. Der Folkmusiker, Dichter und Maler traf den Jazzbassisten und Bluesfan Jeff 2002 bei einem Baseballspiel. 2007 stiess die klassische Komponistin Jocie Adams dazu. Americana vom Feinsten im Geist von Neil Young, Bob Dylan, Leonard Cohen, den Allman Brothers, Fleet Foxes und The Band. Der hiesige Agent will schon 500 Euro mehr Gage. Wir machen das, sei's drum: Oh, mein Gott, wird das schön!

***** im Musik-Express THE LOW ANTHEM "Oh My God, Charlie Darwin"
Ein grandioses Album zwischen Americana, Folk und Bluesrock. Das passende Möbel zu dieser Musik ist auf jeden Fall ein Ohrensessel. Mit nachhaltiger Langsamkeit haben einen die ersten Songs von OH MY GOD, CHARLIE DARWIN, dem neuen Album von The Low Anthem, in die Sitzgelegenheit gepresst, es regiert die grosse Zärtlichkeit, mit der Ben Knox Miller "Charlie Darwin" und "To Ohio" singt - und dann kommt alles anders. Weil zwei krachige Eckkneipenschunkler folgen, die auch bei trainierten Tresenstehern ein leichtes Summen in den Kniegelenken auslösen. Spätestens da wünscht man sich wieder den Ohrensessel herbei: einfach mal fallen lassen, sich rechts und links festhalten und anlehnen ist das Gebot der Stunde. Oder wie es Miller formuliert: "Die leisen Songs lassen die lauten noch lauter klingen, und umgekehrt." The Low Anthem vertiefen gekonnt viele alte und schöne Kerben; sie finden ihren Platz zwischen Neil Young, Tom Waits, The Band und den Neo-Folkern von den Fleet Foxes. Und weil The Low Anthem im Koordinationsdreieck zwischen zartem Folkrock, sehnsüchtelndem Americana und stampfendem Bluesrock ihre ganz eigenen Punkte markieren und weil Ben Knox Miller mal so unschuldig singt wie ein notorischer Gänseblümchenpflücker und dann wieder klingt, als würde er jeden Tag mit Eisenspänen gurgeln, kann man entzückt feststellen: Jawohl, Evolution geht auch im Ohrensessel. Schade, dass Charles Darwin, der der Welt so viel Gutes beschert hat, das nicht mehr hören kann.

   
 

...beweg di!

Samstag, 19. September zero9, 21Uhr21

ELIJAH

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Ihn hat Lee Everton (wir lieben seine Songs) an einem Montagabend auf unsere Insel mitgebracht. Wie das Adrian Weyermann vorher mit Lee Everton gemacht hat. Damals immer wieder Montags. Manchmal ist die Welt ganz simpel. Nun kommt er, der Elijah wieder mit kleinem Geschirr und erfüllt uns einen lang gehegten Wunsch. Accoustic Reggae in Zureich-Swiss-German: "Beweg di, beweg di - jaja, beweg di mal richtig!" Der 22jährige Zürcher Reggae-Barde Elijah lässt Mundart ganz neu erklingen: Mit gefühlsvollem Gesang, weicher Aussprache und seinem rhythmischen Singjay-Style bringt er selbst die steife Hüfte unseres Unser Aller Herr Martin ins laszive Rotieren.

In den letzten drei Jahren machte er sich mit explosiven Liveshows einen Namen. Sein Debut-Alum "Beweg di" beweist, dass "Züridüütsch" gut zu Reggae passt und auch eine Sprache ist, die das Herz berühren kann. Zusammen mit seiner Band The Dubby Conquerors produzierte Elijah ein authentisches Schweizer Reggae Album, das auch dem Nationalradio und -fernsehen gut zu gefallen scheint: "Gib mer meh", "Las bliebe" sowie "Sie isch wäg" gehen ins Ohr und werden fleissig rauf und runter gespielt.

Seit 2005 spielte Elijah über 200 Konzerte im In- und Ausland und zeigt, dass gute Musik, egal in welcher Sprache, keine Grenzen kennt – von Dänemark über Holland bis nach Spanien liess er überall ein begeisteres Publikum zurück. Das erreichten vor ihm nur wenige Schweizer Mundart-Künstler. Elijah setzt sich und seiner Musik keine Grenzen, in "Nur so" fragt er: "wie wämmer gmeinsamkeite find, wämer nöd emal bereit sind zum grenze überwinde". Genau. Also bewegt eure Sesselfurzfüdlis zu uns auf die lokal-jamaicanische Sihlinsel zum gemeinsamen Abgrooven.

   
 

"I just wanna play music on a stage."

Montag, 21. September zero9, 20Uhr20

DAN COSTELLO

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Nur wenige Singer-Songwriter erreichen eine so warmherzige und energiegeladene Bühnenpräsenz wie der an Halloween geborene Tausendsassa aus Brooklyn. Er kommt, um zu unterhalten. Und das kann er. Grossartig. Nein, mit Elvis Costello ist er nicht verwandt, aber danke der Nachfrage. Viel verwandter fühlt er sich dem amerikanischen Revolutionär und Guerilla-Führer der Green Mountain Boys Ethan Allen (1738 – 1789). Costellos Songwriting bedient sich aus der reichen Inspirationskiste von Folk, Rock, Jazz, HipHop, Broadway. Folk-Songs in bester Anti-Folk-Tradition: Smart, lustig, geist- und fintenreich, direkt aus dem Herzen und smogklar aus New York. Ausgestattet mit einer kräftigen, klaren Stimme und einer Sechs-Saitigen singt er voller Bilderreichtum und Power – und ein wenig theatralisch. Very, very cool.

Dan ist ein Kind der Bühne: Schon mit fünf Jahren trug er alle möglichen Kostüme, mit 13 komponierte er seinen ersten Song "Dan’s Blues" für das Al-City Orchestra in Albany NY, sang als Teenager im Gospelchor, lernte Jazz-Saxophon und Keyboard und begann HipHop-Lyrics zu schreiben. An der Syracuse University produzierte er eine Bühnenversion von Pink Floyd’s "The Wall" und adaptierte The Who’s "Tommy" und "The Rocky Horror Picture Show". 2003 machte er seinen BFA-Abschluss in Drama. Und und und. Sozial engagierte Musik wie Woody Guthrie’s "Ballad of Sacco and Vanzetti" wiesen ihm früh den Weg, auf dem Pete Seeger, Phil Ochs, Dylan ihn begleiteten. Vom New York Anti-Folk-Festival über die Creaky Boards bis zur Parallel-Arbeit an einem akustischen Solo-Album, einem Musical und einer neuen Finanz-Rubrik: Dan geht’s ums Selbermachen, Anpacken und die Freiheit und Unabhängigkeit, die man dadurch erhält. "Wir veranstalten seit einiger Zeit die Brooklyn Tea Party, bei der wir befreundete Künstler aber auch Leute von außerhalb einladen. Wir bewohnen eine altes Haus und haben bei uns im Wohnzimmer eine kleine Bühne gebaut." Und: Er ist stolzer Onkel des wunderbarsten Kids auf dem ganzen Planeten.

"Ein bisschen Country, ein bisschen, ähm... andersartiger, cooler Stoff."
– Boulder Weekly

"Dieser Folk-Rapper-Poet haut dir bildlich, aber stinkfreundlich eins mitten ins Gesicht (aber nicht zu stinkfreundlich). Humorvolle Sozialkritik sickert durch seine Songs, eine erfrischender Wortsturm in einem Songwriter-Klima von Bekenntnissen und Narzissmen." – Gabriel Levit, jezebelmusic.com

   
 

...Ballad Of Fuck All

Donnerstag, 24. September zero9, 20Uhr20

MALCOLM MIDDLETON

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Malcolm Middleton selbst sagt, dass er Pop-Alben für Leute produziert, die Pop eigentlich hassen. Arab Strap ist tot - es lebe Malcolm Middleton!! Seit der Trennung des grandiosen schottischen Duos machen die beiden Songschreiber Malcolm Middleton und Aidan Moffat solo weiter. "Waxing Gibbous" heisst Middletons fünftes Werk, mit dem der Schotte auf Tour ist. Und das ist ein grossartiges Album. Zwischen flottem Indie-Pop, wie dem fantastischen Opener "Red Travellin Socks", Ohrwurm-Pop wie "Shadows", opulentem Glam-Pop ("Box & Knife") oder melancholischeren Songs ("Ballad Of Fuck All") zieht Middleton alle Register, die auch Arab Strap gross gemacht haben. Und alles liebevoll gespickt mit kleinen Electro-Gimmicks. Eigenwilliger, "erhabener Songwriter-Pop", wie das mal der Rolling Stone genannt hat.

Deutlich aufgehellt ist die Musik ohne Aidan Moffat, wobei "Waxing Gibbous" – so nennt man den Mond auf Englisch, kurz vor der Völle – alten Arab Strap-Fans ebenso gefallen sollte wie Middleton-Neulingen. Die Texte handeln vornehmlich von mangelndem Selbstbewusstsein, Tod, Alkohol, Anti-Depressiva, Einsamkeit 8oder Langeweile. Also wem bei diesem berührenden, chor- und streichergewürzten Indie-Pop zwischen Balladen und Gitarren-Rock nicht geholfen ist, dem ist nicht mehr zu helfen. Wir vom einzigen grossblumentopffreien Eiland an der Sihl lassen uns jedenfalls gerne von Mr. Middleton’s traurigschönen Ohrenwürmern betören. Auf dass sie nie verklingen mögen.

Bei seinem Veröffentlichungsrausch der letzten Jahre besteht zumindest die Hoffnung, dass er ebenso wenig ohne seine Musik kann wie wir. – cs, kulturnews.de

   
 

...geneva bayou connectionx

Samstag, 26. September zero9, 21Uhr21

MAMA ROSIN & HELLS KITCHEN

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Mes dames et messieurs, wir präsentieren wiederum unser lokales Genfer Doppelpack: Mama Rosin & Hell’s Kitchen.

Bei Müttern schmeckt’s doch immer am Besten. Vor allem, wenn ganz langsam gekocht wird: "Brûle lentement" ist der Zweitling nach "Tu as perdu ton chemin". Und es mundet hervorragend: Mhhhhh, that’s CAJUNLICIOUS! Sie sind nicht vom Weg abgekommen, obwohl zwischen den beiden Werken viel passiert ist. So tourten sie durch die halbe Welt und legten dabei jedesmal einen Stopover hier an der Sihl ein, bestritten das Vorprogramm der Stray Cats, kamen nach dem Kaufleuten ganz schnell bei uns Lokalbier trinken, gaben BBC's Marc Lamarr die Ehre und heizten der EM-Eröffung in Wien ein. Die Energie und Leidenschaft geht auch dieses Mal nahtlos in die 13 Tracks ihrer neuen Scheibe über; ganz getreu dem Rezept "Aus alt mach neu": Ein Gumbo alter Cajun und Zydeco-Wurzeln, verfeinert und gewürzt mit Sound und Power des neuen Milleniums; Old Deep Lousiana Black Roots treffen auf Velvet Underground und Daniel Johnston! Ebenso überzeugt das Trio live; mit unbändiger Spielfreude und Musikliebe, sowie Einflüssen und Elementen aus Blues, karibischen und afrikanischen Klängen, Calypso bis hin zu psychedelischen Irrgärten zaubern Mama Rosin einen einmaligen Augen- und Ohrenschmaus auf unseren Inselbretterteller.

Oh, Mama Rosin. / Oh, Mama Rosin. / Sortez donc c’est larhumba pour toi. / Oh, Mama Rosin. / Oh, Mama Rosin. / Sortez donc c’est la Mambo pur toi. // Y’a rien qui me chauffe comme le Tango. / J’ai tombé en amour pour e Tango. / Y’a rien que j’aime comme le Tango. / Venez donc danser avec moi

Und logischerweise fräsen wir jetzt shakend im Höllentempo Richtung Erdmittelpunkt, wo Langsamkochen Jahrmillionen alte Lava bedeutet und eigentlich abkühlt: In der Hölle, dort wo der Teufel den Höllenofen selbst einheizt, wird heisser gegessen als gekocht. Und das will was heissen. Chris Wicky von Favez zum Trio Hell's Kitchen: "Die beste Genfer Band seit langem!" Und auch andere Westschweizer Musikszene-Kenner hören nicht auf, die Teufelsköche über den grünen Klee zu loben. Höchste Zeit also, dass nun nach Bern und unserer Insel, doch das 2. Mal, auch die Restendeutschschweiz endlich auf die Suchtgefahr hinzuweisen. Das neue Album "Mr. Fresh" sollte bis zum Inselhöllenritt soweit abgekühlt sein, dass nicht grad jedes Gerät verdampft.

"Jack Is A Writer" – der zweite Song ihres Erstlings "Doctor’s Oven" – brilliert mit trashiger Percussion und leidenschaftlichen Vocals, einem stoischen Kontrabasslauf und einer leicht durchgeknallten Zweitstimme. "Dance Machine" wartet dann mit Banjo und einer Slide-Gitarre auf. Natürlich fehlt auch die Blues-Harp nicht ("Stay In My Back", "Nice"). Ein Werk mit dem richtigen Mass Dreck und Verzweiflung, das berührt und den altbekannten Akkorden ganz neue Facetten abgewinnt. Nein, auf diesem highway to hell kannst du nicht einfach nur geniessen, du sollst schreien, getaktet von Mutter Courage-Hammer-Percussion, einem Fisch-auf-Acid-Stehbass und elektrisierenden, nach Pech und Schwefel riechenden Gitarrenlicks, die gar dem toten Tod die Knochen tüchtig klappern liessen. Teuflische Gesänge verrenken sich alle Gurgeln und Nackenwirbel. Nein, das ist keine kleinkarierte Schulbuchromantik, das ist kreatives Chaos vor und nach dem Urknall. Also wenn du dem Teufel noch nie begegnet bist: Welcome to Hell’s Kitchen and feel the big heat!