Lunch from October 16th to October 20th 2017.
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A special column giving a high-five to worthwhile articles and opinions all through the year...
nous dormirons bien mais mal..
Sunday, 13.03.2011, 20Uhr20
oh what a night...
Marcel Kanche (FR)
Nun ist’s bald ein Vierteljahrhundert seit der grand-seigneur bei uns Einkehr hält. Damals noch im ehrwürdigen el Internacional. Immer und immer wieder wollen wir ihn erleben, den Eigensinnigen. Den Feinsinnigen. Den Wahnsinnigen.

Jedesmal ein Ereignis. Viel zu lang ist’s her. Hier auf unserer Insel war er zum letzten Mal vor zwei Jahren. Sehr schön war’s. Jetzt kommt er wieder, der Eigensinnige. Der Feinsinnige. Der Wahnsinnige.

Marcel Kanche gehört zu den einzigartigsten Figuren der französischen Musikszene. Ein Unbeirrbarer in einer labilen Welt zwischen Konsum und Schwerenötertum. Inzwischen über 50, tomwaitst er sich durchs Leben, poetisch, eckig, kantig, sympathisch. Der diskrete Charme des wahren Künstlers. Da wird mit Sprache und Klängen gespielt, belächelt vom Flachen. Tiefgründigkeit, damit belasten junge Popchansonleute kaum – weder sich selbst noch das Publikum. Man surft lieber auf der drögen Welle des Kunstwerks im Zeitalter seiner technischen und geistigen Reproduzierbarkeit. Renommierte Musikmagazine wie Vibrations sehen in Kanche immerhin einen der spannendsten frankophonen Tonkünstler.

Seit bald 30 Jahren arbeitet er im Schatten des Showbiz und publiziert in schöner Regelmässigkeit grossartige Alben, wie z.B. sein Opus «Dog Songe» (2008, ua. mit dem Akkordeonisten Otto Lechner). Sein neustes Werk trieft noch vor Frische im Morgengrauen: «Vigiles de l'aube» (Wächter der Morgendämmerung) ist ein Vademecum der Gefühle. Die Gitarre von «Combien d’Amis?» scheint direkt dem Soundtrack von Dead Man entsprungen. Und der betörende Titelsong «Les vigiles de l’aube» wirkt in seiner Intensität aphrodisierend wie alle Stranddisteln, Falzblumen und Alraunen (Wikipedia) dieser Erde zusammen und ist ganz einfach eines der grossartigsten Chansons dieses neuen Jahrtausends. Der non-chanteur entführt uns mit rauchig-warmer Stimme in seine fantastischen Traumwelten, die sich als abgrundtiefe Wirklichkeit entpuppen. Musik, die porentief wirkt. Da stehen euch die Haare z’Berg, im Fall. Hühnerhautfaktor 1000. Im Fall. Musik, kompromisslos und leidenschaftlich, die dich in allen Lagen durchs Leben kutschiert, trägt, beamt, lebensrettend, lebensverlängernd, energiespendend, durch dick und dünn, durch wow! und heul!, mit einem bevorzugten Platz im Herzblutpumpklopfliebesherzen. Kanche, der Medizinmann.

Kanche wird mit Leuten wie Tom Waits oder Leonhard Cohen verglichen – nicht zu Unrecht. Aber eben: Wie die beiden andern gibt’s auch ihn nur einmal. Und obwohl dem – wie die Franzosen zu sagen pflegen – grand public weitgehend unbekannt, kennt praktisch jeder Texte von Kanche, ohne es zu wissen: Zwei Hits von Vanessa Paradis gehen auf seine Kappe. Seine Musik ist erfüllt von Tiefe, Schönheit und einer ruhigen, ganz grossen Kraft. Le grand fleuve. Alles fliesst. Wer das Glück hat, diesen Ganzgrossgrossen live zu erleben, weiss, wovon wir sprechen. Und auf unserer allerletzten Insel kommt das Magische des Monsieur Kanche besonders gut zum Tragen. C’est magnifique, Chevalier Marcel! Wir bleiben bis zum Sonnaufgang samt Fischreiher und Flussgeriesel.

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