Lunch from December 11th to December 15th 2017.
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A special column giving a high-five to worthwhile articles and opinions all through the year...
surprises unfolding every moment...
Tuesday, 14.09.2010, 20Uhr20
oh what a night...
Musée Mécanique (USA)
Wer will das wunderbarer schreiben als Marco Durrer im schönen 78s, das wir ziemlich mögen:

Verlassen sitzt er auf dem harten Sattel eines kalten Pferdes, nur einzelne Schneeflocken umtanzen das seit Ewigkeiten ruhende Karussell. Melancholisch betrachtet er die abgeblätterte Farbe, entdeckt sie auch an sich. Doch plötzlich knistert’s aus den Lautsprechern und die rostige Mechanik beginnt zu rattern. Ein leicht trauriger Tenor und ein kleines Orchester taucht die Welt mit luftigen, aber nostalgiegetränkten Melodien in milde Sepiatöne.
Der stillgelegte Jahrmarkt erwacht zum Leben, beginnt sich zu bevölkern, mit geisterhaften Schatten aus vergilbter Erinnerung. Das Karussell dreht sich in neuem Glanz durch die verblassten Bilder einer längst vergangenen Kindheit, die nicht die seine war. Familien schlendern und lachen um die Wette. Ein Mädchen dreht mit ihrem Teddy Pirouetten bis zum Schwindel. Ein kleiner Junge mit schäbiger Kleidung, aber schicker Mütze, weint, vor ihm ein Lolli im schmutzigen Schnee. Auf dem Pferd schräg vor ihm reitet ein Mädchen mit wehendem Haar, bedingungslos glücklich, noch nichts ahnend vom ständigen Auf und Ab des Lebens. In gefühlter Zeitlupe blickt es über die Schulter und strahlt ihn an.
Augenblicke, vielleicht so alt wie die allerhand verstaubten Klanggeräte des Musée Mécanique und der danach benannten Kapelle – und doch so frisch wie der Traum von letzter Nacht, in den ihn leise Sehnsucht zurückzieht. Dorthin, wo’s so spannend war ohne was zu tun. Wo alles ohne Grund geschah, Zeit keine Rolle und die Welt ungefährlich verrückt spielte. Die in der Musik mitschwingende Schwermut erinnert ihn jedoch daran, bald wieder aufwachen und anstatt in den süssen Lebkuchen in trockenen Zwieback beissen zu müssen.

Wer das Imaginarium von Sean Ogilvie und Micah Rabwin live erlebt, wird vielleicht von ähnlichen Bildern in eine magisch-bizarre Welt ennet der unsrigen entführt. Die beiden wurden von den antiquarischen, münzbetriebenen (Musik-)Maschinen im Musée Mécanique in San Francisco erleuchtet und mit dem unnachahmlichen Stil beseelt. Das bezaubernde Album «Hold This Ghost» vermag zwar den Heiligen Geist aus der Flasche zu befreien, aber von Halten ist da keine Spur. Alles fliesst, alles schwebt, alles dreht und dreht und dreht. Ein Traum, der nicht mehr aufhört, nicht mehr aufhören soll, der nachklingt, bis man plötzlich realisiert, dass die Band längst nicht mehr spielt. Aber die entrückte Stimmung trägt weiter und weiter, öffnet butterweich die knarzig-rostigen Pforten der Fantasie und dreht und dreht und dreht. Rund um die Welt, weit übers Meer, rund um unsere weltenschöpfende Rundum-Insel an der ewigblauen Mississihl.

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