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Postcards And Daydreaming...
Montag, 06.06.2011, 20Uhr20
Lokalbühne
Dan Mangan (CAN)
Dan's kraftvolle, wetterfesten Songs graben tief im Unterbewussten, wühlen auf, lassen träumen, seufzen, lächeln, lachen, nachdenken, vergessen; einfach alles, was das höhrende Herz begehrt...

Das dritte Album ist kurz vor der Niederkunft (kommt aber wahrscheinlich vor dem Sarkozy-racaille): «When you take a really tired band off the road and put them right in the studio it can really not work. But in this case it did work, and it’s amazing we hadn’t killed each other, spending day in day out with the same group of people.» Und es wird wie das gesamte bisherige Schaffen des 28-jährigen, kanadischen Indie-Folk-Rock-Singer/Songwriters Dan Mangan Begeisterung auslösen. Immerhin verlieh man ihm 2010 unter anderem den schönen Titel «Songwriter des Jahres». Jedenfalls kommt da einer, der seine Musik lebt, tourt, auf der Strasse ebenso intensiv performt wie auf den Bühnen von Hierzuland und Übersee. Denn Dan singt wahrhaftig mit der Seele eines Woodie Guthrie. Wenn der denn Godspeed You! Black Emperor gehört hätte, stereotüpt das unkende Weltnetz, das uns alle gefangen hält. Frei im Sinne Dürrenmatts: Inzwischen sind die Netzbürger – fast wären's getippte «Netzbetrüger» geworden – Wärter und Insasse zugleich. Ja, Freiheit ist ein schwierig Gut. Obwohl wir auch nicht ganz kapieren, was der Woody-Godspeed-You!-Wortlaut denn genau bedeutet, checken wir, was hinter, unter, zwischen und über den Zeilen gemeint ist. Man muss nur hinhören.

Der seit geraumer Zeit in Vancouver lebende Musikpoet trifft mit seinen Geschichten nicht nur den Nerv der Zeit, sondern auch den der Menschen, die wie auch immer um ihr Leben kämpfen. Und zwar mitten hinein ins Tiefrote. Selten werden – wie im Video zu «Robot» auf seinem preisgekrönten und himmelweit gelobten Album «Nice, Nice, Very Nice» - Kämpfe zet Be zwischen Gangs so menschlich ausgetragen, nämlich mit aufziehbaren Pitbull-Hahnenkampf-Robiatoren aus dem Baukasten. Die bekommen höchstens eine Schraube locker. Oder eine Beule. Bissig, subtil, aber nie entblössend oder porno-voyeuristisch lässt Dan das Leben des kleinen Mannes oder der kleinen Frauen durch bezaubernde Songs auferstehen – wie in «Tina’s Glorious Comeback»: «but we’re not elvis anymore. we’re not frankie in his wild years. we’re not tina’s glorious comeback. we’re not us, we’re not us. we’re not us anymore, we’re not us.» Der Albumtitel stammt übrigens aus dem gleichnamigen Gedicht Kurt Vonnegut's, wo es heisst: I wanted all things to make sense // So we'd be happy instead of tense /// Oh a sleeping drunkard up in Central Park // Or the lion hunter in the jungle dark /// Or the Chinese dentist or the British Queen // They all fit together in the same machine /// Nice, nice, very nice // Nice, nice, very nice // So many people in the same device. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Dan jedenfalls driftet längst ab von den ‹solo dude with a guitar›-Attitüden, hat genug vom ‹Oh God, another frickin’ male singer-songwriter!›

«Nice, Nice, Very Nice» besticht durch eindringliche, stimmungsvolle Vielfalt in einer Welt, die auf künstliche Gleichförmigkeit macht. Das Kaufhausparadies als Alptraum einer verkehrten Welt wie in «Sold»: Die bei Berührung aufglühenden Äpfel will Dan nicht, aber die verbotenen Früchte seiner Begierde lagern unerreichbar hoch, angeschrieben mit «SPECIAL: OLD FASHIONED APPLES AS MADE BY THE EARTH SINCE... FOREVER», und sind nur zu pflücken mittels eines um 20 % reduzierten Jumbopacks Jumbo-Marshmallows, das er als Trampolin benutzt. Allerdings glänzen auch diese altmodischen Äpfel schon verdächtig... Wie auch immer. Dan's kraftvolle, wetterfesten Songs graben tief im Unterbewussten, wühlen auf, lassen träumen, seufzen, lächeln, lachen, nachdenken, vergessen; einfach alles, was das höhrende Herz begehrt. Er lacht: «A lot of it was also being a little more lighthearted: I went from being a dark, depressing songwriter to being a depressing songwriter who put a snappy beat to it.»

Dan's grossartige Band besteht aus Drummer Kenton Loewen, Gitarrist Gord Grdina und abwechselnd den Bassern John Walsh und Colin Cowan. Die kommen wie good old Charlie Watts aus dem Jazz und tragen viel zur Weiterentwicklung von Mangan's Sound bei: «Diese neuen Songs klingen weniger wie ich mit Backup-Band, sondern wie eine Band.» Das Album töne zwar dank der grossen Bandbreite seiner unverkennbaren Stimme nach ihm, aber völlig anders als bisher: «They’re bringing all these aspects you wouldn’t expect. It’s beautiful.»

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