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Am liebsten gelesen, gehört und angeschaut ...
verstörend faszinierend...
Samstag, 07.05.2011, 21Uhr21
Lokalbühne
o'Death (USA)
Roh und laut schmettern die fünf apokalyptischen Reiter ihre lebensstrotzende Version von Country und Bluegrass vom Teeracker.

Soeben frisch vom Stapel gelaufen: «Outside». Und genau so klingen o’death: Als würden sie von weit draussen, aus den tiefsten, dunkelsten Wäldern kommen, da wo Bartli den Moscht holt; wo sie in Blockhütten hausen und zum Frühstück getrocknete Bärentatzen verdrücken. Die waren, also die Tatzen der geschossenen Bären – falls die Erinnerung nicht trügt – in Karl Mays Büchern immer als Delikatesse gepriesen. Und wie mit Karl May’s Wild West-Erlebnissen verhält sich’s auch mit o’deaths «Into The Wild»-Überlebenskünsten: Genialen Geschichtenerzählern braucht man nicht mit diesiger street credibility und Authentizitätsgefasel zu kommen. Das hat grad noch gefehlt in der Wurmbüchs. Nein, diese stonewashed echten New Yorker Asphaltcowboys haben’s faustdick hinter den Ohren.

Die erste Scheibe «Head Home» der 2003 gegründeten Combo erscheint 2004 und lässt die Ohren der Szene aufhorchen. Die – wie sich’s gehört – chaotischen Live-Performances von o’death gelten bald als legendär. Schon 2006 teilen sie sich in den Staaten die Bühne mit Art Brut, den Battles oder Dr. Dog. Die alte Welt wird ebenfalls höllhörig und Cityslang sichert sich die Dienste der Grossstadt-Hillbilly-Country-Rocker. Und so kommt «Head Home» frisch re-mastered im Juli 2007 auch in unseren Breitengraden heraus. Endlich.

Spätestens die Pogues haben den Folk punkfähig gemacht. Und die ungestüme Performance als auch das unmögliche Äussere seiner Protagonisten jätten noch heute jedem braven Folk-Traditionalisten alle Sicherungen raus. Jetzt kommen sie also zurück auf unsere quicklebendige Totentanzinsel, um uns mit ihrem schweisstreibenden und fucking ernst gemeinten Protest gegen die Mumifizierung der American Roots Music ins Bockshorn zu jagen. Oder auf die Palme. An die Decke. Zum Teufel. Vergiss die Klischees von bebrillten Stadtneurotikern und auf gutem Mist gewachsenen Landeiern: Roh und laut schmettern die fünf apokalyptischen Reiter ihre lebensstrotzende Version von Country und Bluegrass vom Teeracker. Greg Jamie’s Stimme permanent am Abgrund zum Schreien; das Schlagzeug knallt und scheppert, als hätte Steve Albini es durch eine rostzerfressene Mülltonne gefiltert. Trotzdem beziehen sich o’death geradezu manisch auf ein Amerika zwischen 1800 und 1940 – verstörend faszinierend, faszinierend verstörend. Sie retten die verstaubten US-Folktraditionen hinüber ins dritte Jahrtausend – wenn nötig an den Haaren. Und sie leben die Widersprüche schamlos aus, was auch das neue Album «Outside» zu einem überzeugenden Meisterwerk macht. Und das alles zum Mitsingen. So eine geile Band habe New York seit den frühen Ramones nicht mehr gesehen. Aber eben ganz anders. Wer Bill Monroe, Prince, Dock Boggs, Neil Young, The Microphones, The Misfits, Will Oldham, Pixies, Tom Waits, Violent Femmes, Pogues, 16 Horsepower mag, der kommt o-d-e-a-t-h grad recht in der rockenden Wurmbüchse an der ewig fliessenden, blauschönen Mississihl!


Band...
Pierre Omer (CH)
Der in London geborene Vollblutmusiker mit indisch-schweizerischen Wurzeln ist auch als Komponist von Film- und Theatermusik (u.a. für Meret Matter) und als Produzent (Mama Rosin) tätig, lebt in Genf und Madrid, spielt Gitarre, Akkordeon, Piano und vor allem – er singt!

Mit warmer Stimme erzählt er von gestrauchelten Helden, schwarzen Engeln und Geistern, die ihn in südlichen Breitengraden verfolgen. Ab und zu schimmert der Dead Brother noch durch, aber auch seine Liebe für das Gitarrenspiel von Django Reinhardt. Und was wäre eine Solo-Platte von Pierre Omer ohne ein listiges Augenzwinkern?

Als Ende 2006 die grossartigen Dead Brothers zerbrachen, wischten wir uns unverholen verstohlen eine Krokodilsträne aus dem Augenwinkel, traurig über so viel verlorene Schönheit. Als wir im Sommer 2007 die ersten Entwürfe des kommenden Solo-Albums «See What’s Hidden» von Dead Brothers-Mitbegründer Pierre Omer hörten, wunderten wir uns (noch immer die unverholen verstohlene Riesenechsenträne im Augenwinkel), warum dieser Mann all die Jahre nicht gesungen, sondern still im Hintergrund komponiert und seinen wunderbaren Quetschbalken gespielt hatte.

Aber eben: Nur Langweiler und Eisenbahnen gehen mit Tunnelblick und auf Schienen in den Untergang, der Leben heisst. Inzwischen haben zwei grandiose Alben das Scheinwerferlicht erblickt. Sie zeigen der hinterletzten Zweifelschwester: Der tote Bruder ist quicklebendig. Mit seinem Zweitling «Do the Gipsy Thing» nimmt er uns – der Fährte von Tom Waits und Konsorten folgend – mit auf einen Trip tief in den allertiefsten amerikanischen Süden. Hinreissend. Und er blieb uns treu und sorgt live mit seinen unsterblichen Melodien in unseren legendären Konzerthallen einmal mehr für intime, poetische, überraschende, magische Ewigkeiten. Unvergesslich. Sonnenklar also, dass wir ihn wieder zurück auf unsere Insel lotsen... immer und immer und immer wieder.

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