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Lesung
Band...
Montag, 26.11.2012, 20Uhr20
Lokalbühne
Wiglaf Droste (DE)
Droste pflegt als einer der besten deutschen Prosa-Autoren – wie unser schweizerischer Meister Bichsel – das schwer unterschätzte Genre der kurzen Form, der meisterlichen Miniatur.

Irgendwie hat er schon was von Orson Welles, der 1961 in Westfalen herniedergekommene Wiglaf Droste. Und vermutlich würde er auch gern mit der Radio-Verkündigung von der Landung der Ausserirdischen auf unserer Leierkugel eine Panik auslösen. Aber die Zeiten haben sich gewandelt. Und this is not calvin-fucking America. Der frühere Redakteur bei taz & der Sinalco-Papst-Titanic erhielt inzwischen als Autor diverse Preise, war schon mehrmals mit seinen Liedern bei uns und gründete 1999 mit dem Stuttgarter Meisterkoch Vincent Klink die kulinarische Kampfschrift «Häuptling Eigener Herd» – aktuelles Heft Nr. 50: Jazz. Auf der Kein&Aber-Website findet ihr die Ankündigung eines Droste-Papst-Buches mit dem Vermerk «Titel erscheint nicht»: LIEBER GOTT ICH MACH DICH FROMM, WENN ICH IN DEN HIMMEL KOMM – Der grosse Plan des Joseph Benedikt Ratzinger. Fragt ihn, ob das Nichterscheinen etwas mit Sinalco-Pisse oder sonstigen Stellvertreter-Krisen zu tun hat. Wahrscheinlich ein Kollateralschaden.

Zur grandiosen Glossensammlung seiner Abenteuer auf der Wortschaftzinsel Sprichst du noch, oder kommunizierst du schon? titelt Zeit online: Jetzt wird Fraktur geredet! Gegen zeitnahe Vorfelder und andere Sprachflatulenzen: Wiglaf Drostes grandiose Glossen über das Deutsche gehören auf jeden Nachttisch. Das, obwohl die Texte alles andere als zum Einschlafen sind. Und wo Sprachkritik bei andern zum wutbürgerlich-intoleranten Banaltüpflischeissen wird, wächst sie bei Droste weit über den Hämevolkssport hinaus, versteigt sich von einem vermeintlich unschuldigen Begriff wie ‚Bratpfanne’ zum kritischen, aber träfen Sitten- und Mentalitätsbild unserer Sprachfurzzeit. Das gibt zu denken. Und ist echt lustig. Das Lachen bleibt zwar öfters im Halse stecken, führt aber nicht wie bei Schneewittchen zum Scheintod. Nö, das macht Lust auf mehr. Und Lust aufs Leben. Wenige können das. Hohe Kunst.

Wenn Droste seine Sprache entsichert, fliesst eben nicht Blut oder Galle, sondern Weisheit und Witz. – Süddeutsche Zeitung

 

Auszug aus: Sprichst du noch, oder kommunizierst du schon?

Das meistverwendete deutsche Wort heißt «Ömm», davon bekommt man das «Burnout-Syndrom», und zwar «absolut» und «definitiv». Viel «Identität» ist den Deutschen «weggebrochen», die ihre Erfahrungen aber auch «auf ihren Alltag runterbrechen» müssen, während Politiker «die Menschen abholen» oder «mitnehmen» wollen, wohin auch immer. Wo alles «im Check» ist, erscheint es als «zielführend», schon «im Vorfeld» eines «Veteranentages» die alten «Kameraden» zu rehabilitieren, und das selbstverständlich «zeitnah». An der «Schnittstelle» zwischen «Stresstest» und «kalkulierbarem Restrisiko» ist der Qualitätsjournalismus «gut aufgestellt» und entwickelt entsprechende «Bauchgefühle». Wenn ein Außenminister in «Zeithorizonten» denkt und «Wertedebatten angestoßen» werden wie angestoßenes Obst, gilt auch «das gute Recht» auf ein Getränk namens «Kalte Muschi» und auf «Schiffsverkehr» mit Bono und Bongo. Wo Plagiator II. Doktor spielt und die Sondereinheit KSK sich im «Facility Management» als «Elite» beziehungsweise als Alete «verortet», sind «marktkonforme Döner-Morde» nicht weit, die gehören einfach zur «Servicepalette» des Landes, wie auch das «Multitasking» im Rollkofferkrieg.

Wiglaf Droste: Sprichst du noch, oder kommunizierst du schon?, Neue Sprachglossen, Edition Tiamat, Berlin 2012, 191 S., Klappenbroschur

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