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wüstensand & blizzards ...
Donnerstag, 04.02.2010, 20Uhr20
Lokalbühne
Howe Gelb (USA)
«Es ist wichtig, dass man ein Mal jeden Abend etwas macht, das man vorher nicht geprobt hat!», sagt Howe Gelb, der Giant Sandler und grosse Freistil-Weltmeister des Live -Auftritts. Also same procedure as last time: Keiner weiss, ob Howe heil auf der anderen Seite des Seils ankommen wird. Natürlich ohne Netz und Sicherungskarabiner. Aber bisher ist’s immer gut gegangen. Bisher ist’s immer super gegangen. Bisher wars immer phantastisch, was dieser Lokalheilige auf Lebenszeit bei uns ablieferte.

Immer wieder wird sich Howe, der Gentleman, neu erfinden und alle Publikumserwartungen grandios scheiternd zu feinstem Wüstensand zerbröseln lassen, der unter deinen Nägeln brennt wie Freudenfeuer. Die Wüste wächst, die Wüste lebt, wehe dem, der keine Wüsten in sich birgt. Der ist bei Howe’s Performance schwer in Gefahr, nur mit einem lebenslangen Howe-Syndrom der höllischen Glut des musikalischen Fegefeuers zu entkommen. Und dann ist’s um dich geschehen, Mann oder Frau!

Das einzige Aktivmitglied der Wüstenrocker Giant Sandworms (heute: Giant Sand) ist immer auf Achse und greift sich manchmal irgendeinen zufällig anwesend Musikus, turnt als Elch über das Ewige Bühnenholz oder improvisiert zu soeben zugesteckt bekommenen CDs. Und der Mann wird auch immer besser und manchmal riecht’s trotz spitzbübischem Schalk ein bisschen nach quicklebendiger Voraltersweisheit. Wer keines seiner 45 legendären Alben kennt, ist zwar selber Schuld, da unzählige illustre Gäste mitspielen: Lisa Germano, Scout Nibblett, die westwelsche Damenwelt rundum Francoiz Breut und Marianne Dissard, John Parish und PJ Harvey, M. Ward, John Doe, Neko Case, unsere alten Lokalhelden Vic Chesnutt und Kurt Wagner (Lambchop) oder auch Chan Marshall (Cat Power) sind nur einige. Aber eigentlich kann man die grossartigen Konzerte auch ohne explizite Vorbildung geniessen. Und selbst die süssesten Streichersätze wirken niemals kitschig. Zumal der liebenswert chaotische Charismatiker Gelb gezielt allzu selige Stimmungen untergräbt und die Atmosphäre zu fast hörspielartigen Szenen verdichtet, gebrochen durch eine stets präsente Ironie, die kaum etwas, am wenigsten sich selbst, ernst zu nehmen scheint. Eine entspannte Session wie auf der Veranda irgendwo im Süden der Vereinigten Staaten, ein früher Morgen in Paris, ein Tag in Big Apple, ein weiterer unvergesslicher Abend im el Lokal. Howe forever!

Er öffnet eure Herzen. Und zwar ganz ohne Brechstange, Presslufthammer oder Plastiksprengstoff. Der kanadische Singer-Songwriter Craig Bjerring alias Oldseed gehört zu den Auserwählten, die mit Musik selbst Steinherzen und nicht vorhandene Pumpen knacken, zum Leben erwecken und sperrangelweit aufreissen. Folkige Melodien und Gesang erinnern an Jeff Tweedy und Will Oldham, die Texte handeln von der Liebe, vom Suchen, vom Finden und vom Verlieren. Mit Mütze und Vollbart sieht er aus wie der verwahrloste Vorfahre von Badly Drawn Boy zu seinen besten Zeiten. Vor allem aber ist Craig Bjerring auch Musiker der fantastischen Improtheater-Gruppe «Crumbs», die sich mit lässigem Charme und grossartigem Handwerk zahllose Fans in Amerika und Europa erspielt hat.

Der Performer, Erfinder und Geschichtenerzähler Oldseed tourt mit leichtem Gepäck: Gitarre, Akkordeon und Rucksack. Und dem neuen Album «The Terror», auf dem ein Reiter im Blizzard kaum zu erkennen ist. Ihr wollt noch mehr unzulässige Namedropping-Vergleiche, die im Raum hängen? Heho, let’s go: Neil Young, Bruce Springsteen, Steve Earl, Nick Drake, James Taylor, Will Oldham zum Zweiten, Elliott Smith. Von Rock bis Jazz muss man bei Oldseed mit allem rechnen. Und weil das so verdammt spannend ist, rechnen wir mit euch, ganz gleich, ob draussen die Welt vor die Säue geht: Oldseed währt ewig und ewig währt am längsten.

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el Lokal